Auch Väter haben Tiefs

Etwa jeder zehnte Vater gerät nach der Geburt seines Kindes in ein Stimmungstief. Ein unterschätztes Problem, denn eine anhaltende depressive Verstimmung kann sich zu einer behandlungsbedürftigen Depression auswachsen.

Vater drückt Baby an seine Brust © BZgA/HN/Eichhöfer
© BZgA/HN/Eichhöfer

Vater zu werden, stellt das bisherige Leben auf den Kopf. Überraschungen und Enttäuschungen bleiben dabei nicht aus. Das ist ganz normal. Gelingt es nicht, sich auf die veränderte Lebenssituation einzustellen, können Gefühle der Niedergeschlagenheit und Versagensängste jedoch überhandnehmen. 

Depressive Verstimmungen machen sich durch erhöhte Reizbarkeit, Erschöpfung und Schlafstörungen sowie Gefühle der Freudlosigkeit, Antriebs- und Konzentrationsschwäche bemerkbar. Manchmal klagen betroffene Väter auch darüber, dass sie keine tiefen Vatergefühle entwickeln. 

Von depressiven Verstimmungen nach der Geburt sind mehr Väter betroffen als bisher angenommen: Eine Auswertung von über 40 internationalen Studien kam 2010 zu dem Ergebnis, dass etwa zehn Prozent der Väter während der Schwangerschaft und des ersten Lebensjahres ihres Kindes depressive Beschwerden erlebten. Damit treten in dieser Zeit depressive Beschwerden etwa doppelt so häufig auf wie in anderen Lebensphasen.

Keine Frage der Hormone

Dass sich Frauen in den ersten Tagen nach der Geburt plötzlich niedergeschlagen und ängstlich fühlen können, ist bekannt. Der „Baby-“ oder „Wochenbett-Blues“ wird vor allem mit dem starken Hormonabfall nach der Schwangerschaft in Verbindung gebracht.

Schlafmangel, Unsicherheit gegenüber der neuen Situation, hoher Erwartungsdruck und das Gefühl fehlender Hilfe können hinzukommen. Meist hellt sich die Stimmung nach ein paar Tagen wieder auf. Ruhe, Verständnis und Unterstützung helfen, das Tief zu überwinden. Hält es jedoch über längere Zeit an, kann sich eine Depression entwickeln (postpartale Depression).

Sind Männer nach der Geburt ihres Kindes ähnlich niedergeschlagen, spielen Hormone als Auslöser eher eine untergeordnete Rolle. Man weiß noch wenig über die möglichen Ursachen. Sicher ist aber, dass Stress, Versagensängste, übertriebene und unerfüllte Erwartungen an sich selbst und die Partnerin zum „Baby Blues“ eines Vaters beitragen können.

Enttäuschung und ungewollte Sorgen

Ob ein Vater in eine depressive Stimmung gerät, hängt von vielen möglichen Einflüssen ab. Neigt er grundsätzlich zu Stimmungskrisen oder hat er schon früher eine Depression gehabt? Ist er gerne Vater geworden? War er auf die Geburt des Kindes und das Vatersein gut vorbereitet? Studien zeigen, dass Männer, die sich nicht ausreichend auf ihre Rolle bei der Geburt und in der ersten Zeit als Familie vorbereiten, die Geburt ihres Kindes häufiger negativ erleben und nach der Geburt vom Leben zu dritt schneller enttäuscht und irritiert sind als andere Väter.

Viele Männer befinden sich nun in einem Dilemma: Auf der einen Seite wollen sie sich von Anfang an viel Zeit für ihr Kind nehmen, wollen Vater sein. Das erwarten in der Regel auch ihre Partnerinnen von ihnen. Auf der anderen Seite sind sie nun häufig der „Familienernährer“, der das Familieneinkommen sichert. Diese Rolle wird Männern nach wie vor häufig seitens der Gesellschaft und auch der Arbeitgeber zugeschrieben. 

Schlafmangel, ungewohnte Sorgen und wenig Zeit für sich selbst bringen viele Eltern an ihre Belastungsgrenzen. Auch die plötzliche Verantwortung für einen vollkommen abhängigen kleinen Menschen kann seelisch belasten. In einer solchen Ausnahmesituation können zudem Paarkonflikte aufbrechen, die sich früher leichter kontrollieren ließen.

Warum nicht eine Väter-Kur?

In dieser Situation kann eine Auszeit helfen. Seit einiger Zeit bietet das Deutsche Müttergenesungswerk auch Vätern Erholungskuren an, für die eigene Vater-Kind-Kurkonzepte entwickelt wurden. Ein individueller Kurplan verbindet medizinische, physiotherapeutische und psychosoziale Anwendungen und Therapien. Möglich sind die Kuren als reine Vater-Kind-Maßnahme oder in einer Vater-Kind-Gruppe von mindestens fünf Vätern.

Was tun bei anhaltender Niedergeschlagenheit?

Reicht eine begrenzte Auszeit nicht, um wieder in Balance zu kommen, ist es im eigenen Interesse und auch zum Wohl des Kindes wichtig, gezielt professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen. In den ersten Lebensmonaten sind Kinder ganz besonders verletzlich: Säuglinge, deren Mütter oder Väter eine Depression haben, zeigen später häufiger Verhaltensauffälligkeiten als ältere Kinder, bei denen ein Elternteil eine Depression entwickelt.

Eine Depression legt sich nicht von allein. Die damit einhergehende Antriebslosigkeit erschwert es zudem, sich die nötige Unterstützung zu organisieren. Nicht zuletzt können sich viele Männer nur schwer eingestehen, dass sie mit einer Situation überfordert sind und Hilfe brauchen.

Eine Schwangerschaftsberatungsstelle, die Eltern auch nach der Geburt eines Kindes weiterhilft, kann bei depressiven Verstimmungen eine erste Anlaufstelle sein. Eine echte Depression ist eine lebensbedrohende Erkrankung, die ärztlich behandelt werden muss.

Was tun bei Depressionen der Partnerin?

Gerät die Partnerin nach der Geburt des Kindes in eine depressive Krise, ist der Mann noch mehr als ohnehin schon gefordert. Nicht nur, weil er sie nun so weit wie möglich unterstützen und ermutigen sollte. Möglicherweise muss er sich auch unvermuteten Paarkonflikten stellen. Ganz sicher aber braucht ihn sein Kind in ganz besonderer Weise, wenn die Mutter es (vorübergehend) nur eingeschränkt versorgen kann. 

Auch in diesem Fall ist es wichtig, sich Rat und Unterstützung zu holen. Einer solchen Belastung ist kaum jemand allein gewachsen. Zudem gibt es Hinweise, dass die Depression der Partnerin das Risiko für den Mann erhöhen kann, ebenfalls eine Depression zu entwickeln. Deshalb sollten Männer mit einer betroffenen Partnerin gut für sich sorgen - und Hilfe annehmen.

 

Letzte Aktualisierung dieser Seite: 11.01.2016