Hörbehindert oder gehörlos ein Kind bekommen

Wenn man Mutter oder Vater wird, stellen sich viele Fragen zum ersten Mal. Wichtige Entscheidungen müssen getroffen werden. Jetzt ist es besonders wichtig, alles fragen zu können und die Antworten genau zu verstehen.

Erfahrungen anderer gehörloser oder schwerhöriger Eltern

Frau lehnt sich an ihren Partner
© GettyImages/LWA/Dann Tardif

Wenn gehörlose und schwerhörige Menschen ein Kind erwarten, können sie von den Erfahrungen anderer betroffener Eltern profitieren. Kontakt zu ihnen können Sie über einen der Landes- oder Stadtverbände des Deutschen Gehörlosen-Bundes e.V. bekommen. Helfen kann auch der Verein „Gehörlose Eltern – CODA“(GECO e.V), der gehörlose, spätertaubte und schwerhörige Eltern mit hörenden Kindern berät.

Andere gehörlose oder schwerhörige Eltern können wichtige Fragen beantworten:

  • Welche Frauenärztinnen, Frauenärzte und Hebammen können mit der Gehörlosigkeit oder Schwerhörigkeit einer Schwangeren oder eines Paares gut umgehen?
  • Worauf sollten wir achten, wenn wir den Geburtsort auswählen? Mit welchem Krankenhaus oder Geburtshaus haben andere gute Erfahrungen gemacht? Wer hat kein Problem damit, wenn jemand zum Dolmetschen dabei ist?
  • Welche Dolmetscherinnen oder Dolmetscher sind angenehm in Gesprächen bei der Ärztin, beim Arzt oder bei der Hebamme?
  • Wie finden wir Dolmetscherinnen und Dolmetscher, die auch zur Verfügung stehen, wenn der Termin nicht genau planbar ist, wie die Geburt des Kindes?
  • Welche technischen Hilfsmittel erleichtern die Versorgung des Babys?

Anspruch auf Dolmetschen

Wenn gehörlose und schwerhörige Menschen medizinische oder soziale Leistungen in Anspruch nehmen, haben sie das Recht auf die Kommunikation, die sie brauchen. Da die Hörenden nur selten Gebärdensprache können, braucht es oft eine Gebärdensprach-Dolmetscherin oder einen Gebärdensprach-Dolmetscher.

Die Krankenkasse übernimmt die Kosten für das Dolmetschen bei Arztbesuchen, bei Terminen mit der Hebamme und bei ambulanten Behandlungen im Krankenhaus. Das Dolmetschen bei einer Geburt und auf der Wochenstation muss vorher genau mit dem Krankenhaus besprochen werden. Es ist immer gut, mit der Krankenkasse und dem Krankenhaus schon vor der Geburt zu klären, wer die Kosten übernimmt.

Das Dolmetschen bei einer Schwangerschaftsberatungsstelle, der Familienkasse, der Elterngeldstelle oder dem Standesamt wird von anderen Stellen bezahlt. Das unterscheidet sich je nach Bundesland. Alle diese Hilfen müssen beantragt werden. Weil die Bewilligung oft lange dauert, informieren Sie sich am besten frühzeitig, zum Beispiel in der Schwangerschaftsberatungsstelle.

Vorsorge und Mutterpass

Nach einem positiven Schwangerschaftstest stellt die Frauenärztin oder der Frauenarzt den Mutterpass aus. In den Mutterpass schreiben die Ärztin, der Arzt oder die Hebamme alles Wichtige über den Verlauf der Schwangerschaft. Auch mögliche gesundheitliche Risiken und die Ergebnisse der Vorsorgeuntersuchungen werden hier eingetragen. Die Angaben sind auch wichtig für die Geburt oder in medizinischen Notfällen. Deshalb ist es gut, den Mutterpass immer bei sich zu haben.

Sollte während den körperlichen Untersuchungen Hilfe bei der Kommunikation nötig sein, kann vielleicht eine Vertraute oder Freundin dabei sein. Beim anschließenden Gespräch mit der Ärztin oder dem Arzt kann eine Dolmetscherin oder ein Dolmetscher übersetzen.

Hier geht es zu Videos in Gebärdensprache über die ersten drei Monate der Schwangerschaft.

Frühzeitig eine Hebamme suchen

Es ist gut, sich frühzeitig in der Schwangerschaft Menschen zu suchen, die nicht nur Fachwissen, sondern auch genügend Zeit für die manchmal besondere Situation von Menschen mit einer Sinnesbeeinträchtigung haben. Neben der Frauenärztin oder dem Frauenarzt kann das vor allem eine Hebamme sein.

Jede Schwangere kann von Beginn der Schwangerschaft an nicht nur von einer Ärztin oder einem Arzt, sondern auch von einer Hebamme betreut werden. Suchen Sie sich am besten möglichst frühzeitig eine Hebamme, die Sie die ganze Schwangerschaft hindurch begleitet. So kann sie sich gut auf Ihre besondere Situation einstellen.

Ihre Hebamme kann Sie und Ihr Baby auch in den ersten Wochen nach der Geburt weiter begleiten.

Hilfreich: eine Beleghebamme

Damit die Hebamme auch bei der Geburt im Krankenhaus dabei sein kann, wählt man am besten eine Beleghebamme. Eine Beleghebamme arbeitet freiberuflich und hat mit einem bestimmten Krankenhaus vereinbart, den Kreißsaal dort nutzen zu können. Die Schwangere bringt ihre Hebamme also ins Krankenhaus mit. Die Beleghebamme ist dann die ganze Zeit nur für sie da.

Mit Ihrer Beleghebamme können Sie vorher alles genau besprechen, zum Beispiel wer während der Geburt dolmetschen oder bei der Kommunikation unterstützen soll. Allerdings gibt es nicht in jeder Stadt und Gemeinde genügend Beleghebammen. Deshalb ist es ratsam, sich sehr früh in der Schwangerschaft darum zu kümmern.

Gibt es in der Schwangerschaft keine Komplikationen, kann das Baby auch in einem Geburtshaus oder zu Hause zur Welt gebracht werden.

Die Geburtsklinik kennenlernen

Wenn es keine Beleghebamme in der Nähe gibt, ist es gut, frühzeitig mit dem Kreißsaal-Team der Geburtsklinik Kontakt aufzunehmen. Mit den Hebammen und den Ärztinnen und Ärzten dort können Sie die Abläufe im Kreißsaal und auf der Wochenstation durchgehen. Das Team kann sich dann besser auf die Verständigung mit Ihnen einstellen. Außerdem können Sie Fragen stellen, zum Beispiel wie eine PDA  (Periduralanästhesie) gegen die Wehenschmerzen gemacht wird. Oder was bei einem vielleicht notwendigen Kaiserschnitt gemacht wird und was beachtet werden muss.

Ein Kurs zur Geburtsvorbereitung

Hebammen und Geburtskliniken bieten Kurse an, in denen man sich auf die Geburt vorbereiten kann. Sie können allein teilnehmen oder zusammen mit Ihrem Partner.

In einem solchen Kurs wird zum Beispiel besprochen:

  • Woran merke ich, dass die Geburt anfängt?
  • Wie verläuft eine Geburt?
  • Wie kann ich mich trotz der Schmerzen entspannen? Was hilft gegen die Schmerzen?
  • Wann muss vielleicht ein Kaiserschnitt gemacht werden?
  • Wie kann mich mein Partner unterstützen?

Für die Schwangere wird der Kurs von der Krankenkasse bezahlt. Ist es nötig, dass jemand dolmetscht, werden auch dafür die Kosten übernommen. Das sollte vorher mit der Krankenkasse geklärt werden. Wenn auch der Partner an dem Kurs teilnimmt, muss er das in vielen Fällen selbst bezahlen. Inzwischen übernehmen jedoch immer mehr Krankenkassen die Kosten für werdende Väter ganz oder teilweise. Es lohnt sich deshalb, bei der Krankenkasse nachzufragen.

Vielleicht ist es hilfreich, wenn Sie für die Geburtsvorbereitung noch einen Einzeltermin mit Ihrer Hebamme machen, um alle Fragen zu klären.

Hier geht es zu Videosin Gebärdensprache über den vierten bis neunten Monat der Schwangerschaft.

Vor der Geburt

In den letzten Tagen vor der Geburt sollte klar sein, wie Sie der Hebamme, dem Krankenhaus oder dem Geburtshaus mitteilen können, dass Sie Wehen haben und die Geburt losgeht.

Am besten bereiten Sie eine Nachricht auf dem Smartphone oder Handy vor, die Sie nur noch losschicken müssen. Auch Freundinnen und Freunden, Angehörigen oder anderen wichtigen Menschen könnten Sie so mitteilen, dass Sie jetzt zum Kreißsaal fahren.

Hier geht es zu Videos in Gebärdensprache über die Geburt.

Verständigung bei der Geburt

Bei jeder Geburt kann es zu Situationen kommen, die man nicht vorhersehen kann. Manchmal müssen die Hebamme und die Ärztin oder der Arzt schnell entscheiden, was zu tun ist. Wenn dann etwas schnell gehen muss und die Schwangere vielleicht große Schmerzen hat, aufgeregt und erschöpft ist, klappt das Ablesen von den Lippen oft nicht gut. Auch das Aufschreiben und Lesen von Wörtern oder Sätzen ist dann schwierig – auch für den Partner. Damit Sie und Ihr Partner alles richtig verstehen, sollte deshalb jemand in der Nähe sein, der Gebärdensprache kann oder sehr deutlich spricht und sich auf Sie einstellen kann.

Entscheiden Sie gemeinsam mit Ihrem Partner, ob Sie bei der Geburt jemanden dabeihaben wollen, die oder der für Sie dolmetscht. Die Geburt ist ein sehr persönliches Ereignis. Deshalb ist es gut, die Person, die Sie bei der Kommunikation unterstützt, frühzeitig kennenzulernen. Man kann auch vereinbaren, dass die Person vor dem Kreißsaal wartet und nur dann dolmetscht, wenn es notwendig ist. Allerdings sind nur wenige Dolmetscherinnen und Dolmetscher kurzfristig für Geburten verfügbar. Vom Vermittlungsdienst für Dolmetscher, von der Klinik oder anderen hörgeschädigten Eltern können Sie vielleicht erfahren, wer dazu bereit ist.

Vielleicht kann auch eine Vertrauensperson von Ihnen bei der Kommunikation während der Geburt unterstützen. Damit die Ärztinnen und Ärzte, Hebammen und Pflegekräfte wissen, worauf sie bei der Kommunikation achten sollen, können Sie ihnen die Broschüre „Der gehörlose Patient“ geben. Die Broschüre kann beim Deutschen Gehörlosen-Bund heruntergeladen werden.

Die erste Zeit mit dem Baby

Die meisten Mütter bleiben nach der Geburt für ein paar Tage auf der Wochenstation im Krankenhaus. Hier können sie sich erholen und das Baby wird gut versorgt. Sollten Sie für diese Zeit jemanden brauchen, der oder die Sie bei der Kommunikation unterstützt, muss das mit dem Krankenhaus besprochen werden. Dann kann das Krankenhaus zum Beispiel eine in der Kommunikation mit Gehörlosen und Schwerhörigen erfahrene Mitarbeiterin oder einen Mitarbeiter zur Verfügung stellen. Es kann auch eine Dolmetscherin oder einen Dolmetscher bestellen.

Um das Baby von Anfang an selbst versorgen zu können, brauchen gehörlose Eltern einen Baby-Sender mit Licht-Signal oder Vibration. Damit das Gerät von der Krankenkasse bezahlt wird, muss eine Ärztin oder ein Arzt eine ärztliche Verordnung schreiben. Die gehörlosen oder schwerhörigen Eltern müssen nur den Eigenanteil zahlen.

Um den Baby-Lichtmelder kümmern Sie sich am besten schon vor der Geburt. Dann können Sie ihn schonauf der Wochenstation einsetzen.

Über Formalitäten, Behördengänge und Anspruch auf Unterstützung informieren wir unter "Recht und Amt nach der Geburt".

Mehr Informationen

Beim Deutschen Gehörlosen-Bund gibt es viele Gebärdensprach-Videos für gehörlose Schwangere und werdende Väter. Hier erfahren Sie alles Wichtige über die Schwangerschaft, die Geburt und die ersten Wochen nach der Geburt. Das alles gibt es außerdem auch in Leichter Sprache für Gehörlose.

Neben der Broschüre „Der gehörlose Patient“ für Ärztinnen, Ärzte, Hebammen und Pflegekräfte gibt es beim Deutschen Gehörlosen-Bund die Broschüre „Tipps für gehörlose Patienten“. Man kann sie herunterladen und ausdrucken. Sie hilft bei der Verständigung mit den Hörenden, zum Beispiel auf der Wochenstation.

Außerdem gibt es vom Bayerischen Rundfunk zwei Filme aus der Reihe „Sehen statt hören“, die von den Erfahrungen gehörloser Schwangerer und werdender Väter in der Schwangerschaft, bei und nach der Geburt berichten:

Bei Fragen zur Finanzierung von Elternassistenz oder technischen Hilfsmitteln kann der Bundesverband behinderter und chronisch kranker Eltern e.V. (bbe) helfen. Dort gibt es auch Adressen von regionalen und überregionalen Selbsthilfegruppen und anderen Ansprechpartnern.

Letzte Aktualisierung dieser Seite: 21.08.2018