Diabetes und Schwangerschaft

Frauen, die Diabetes mellitus haben und schwanger werden, müssen sorgfältig fachärztlich betreut werden. Dann haben sie gute Chancen auf eine Schwangerschaft ohne größere Komplikationen und ein gesundes Kind.

Ärztliche Begleitung von Schwangeren mit Diabetes

Frau misst ihren Blutzucker © mauritius images / Cultura / Arno Images
© mauritius images / Cultura / Arno Images

Knapp ein Prozent aller Schwangeren in Deutschland, etwa 7.500 Frauen, haben Diabetes – die meisten von ihnen Typ 1, etwa 20 Prozent Typ 2. Daneben gibt es noch den Gestationsdiabetes, der nur in der Schwangerschaft auftritt. Rund 4,5 Prozent der Schwangeren (knapp 35.000) sind davon betroffen. Auf den Gestationsdiabetes wird im Folgenden jedoch nicht näher eingegangen.

Bei Frauen mit Diabetes, die schwanger werden, ist es wichtig, dass sie engmaschig von Diabetes-Fachkräften, Hebammen sowie Gynäkologinnen und Gynäkologen betreut werden. Bei einer guten Blutzucker-Einstellung und konsequenter Einhaltung der Werte haben sie gute Chancen, eine komplikationslose Schwangerschaft zu erleben und ein gesundes Kind zur Welt zu bringen.

Wenn Sie Diabetes Typ 1 oder 2 haben, sollten Sie Ihre Schwangerschaft am besten planen. Dann können Sie schon im Vorfeld den Schwangerschaftsverlauf positiv beeinflussen. Sind Sie ungeplant schwanger, ist es ratsam, möglichst schnell mit Ihren Fachärztinnen und -ärzten aus Diabetologie und Gynäkologie zu sprechen.

Blutzucker: Die richtigen Werte in der Schwangerschaft

Für einen guten Verlauf der Schwangerschaft und eine gesunde kindliche Entwicklung ist besonders wichtig, dass die Blutzuckerwerte individuell möglichst optimal eingestellt sind. Allerdings wird dies durch Hormonschwankungen in der Schwangerschaft erschwert. Zu Beginn der Schwangerschaft bis etwa zur 14. Schwangerschaftswoche sinkt der Insulinbedarf. Ab der Schwangerschaftsmitte steigt er steil an und fällt bei der Geburt wieder stark ab.

Bei Schwangeren mit Typ-1-Diabetes sind deshalb täglich mindestens sieben Messungen ratsam. Am besten messen Sie morgens nüchtern, eine Stunde nach dem Frühstück, dann vor dem Mittagessen, eine Stunde nach dem Mittagessen, vor und nach dem Abendessen und vor dem Schlafengehen. Moderne Messgeräte speichern die Werte, die Ihre Ärztin oder Ihr Arzt dann auslesen und mit Ihnen besprechen kann. Viele Frauen nutzen auch Apps zur Dokumentation der Blutzuckerwerte, ihrer Ernährung und Bewegung sowie weiterer relevanter Werte.

Als optimale Blutzuckerwerte in der Schwangerschaft nennt die Deutsche Diabetes Gesellschaft:

  • vor dem Essen: 60 bis 90 mg/dl (3,3 bis 5,0 mmol/l)
  • eine Stunde nach dem Essen: weniger als 140 mg/dl (7,7 mmol/l)
  • zwei Stunden nach dem Essen: weniger als 120 mg/dl (6,6 mmol/l)
  • vor dem Schlafengehen: 90 bis 120 mg/dl (5,0 bis 6,6 mmol/l)
  • nachts (etwa zwei bis vier Uhr): 60 bis 90 mg/dl (3,3 mmol/l)

Zusätzlich wird in Abständen von vier bis sechs Wochen der HbA1c-Wert durch eine Blutprobe bestimmt. Er ist ein verlässlicher Langzeit-Mittelwert, der Aufschluss darüber gibt, wie der Blutzuckerspiegel in den letzten Wochen eingestellt war.

Lassen Sie außerdem klären, ab welchen Blutzuckerwerten ein Keton-Test notwendig ist. Bei zu hohen Keton-Werten besteht die Gefahr einer sogenannten Ketoazidose. Die Blutzuckerwerte sind dann so hoch, dass der Stoffwechsel gefährlich entgleist. Eine Ketoazidose muss umgehend behandelt werden, sonst kann ein lebensgefährlicher Zustand eintreten.

Ernährung schwangerer Frauen mit Diabetes

Wie für alle Schwangeren ist es auch für Frauen mit Diabetes wichtig, ihre Ernährung an die besonderen Kalorien- und Nährstoffbedarfe in der Schwangerschaft anzupassen. Eine Diabetes-Ernährungsberatung, die gezielt auf die Bedingungen der Schwangerschaft eingeht, kann Ihnen möglicherweise hilfreiche Tipps und Unterstützung geben.

Das B-Vitamin Folsäure ist für eine gesunde Entwicklung des Kindes besonders wichtig. Beginnen Sie mit der Einnahme von Folsäure am besten schon, wenn Sie eine Schwangerschaft planen. Für Frauen mit Diabetes kann es auch sinnvoll sein, eine höhere Dosis einzunehmen als gesunden Frauen empfohlen wird. Folsäurehaltige Lebensmittel tragen ebenfalls zu einer guten Versorgung mit Folsäure in der Schwangerschaft bei. Dadurch wird das Risiko von Fehlbildungen des Kindes an Wirbelsäule, Rückenmark und Gehirn sowie im Bereich von Lippen, Kiefer und Gaumen vermindert.

Auch eine ausreichende Versorgung mit Jod trägt zu einer gesunden Entwicklung des Kindes bei. Empfohlen wird eine tägliche Einnahme von mindestens 0,1 bis 0,2 mg (100 bis 200 μg) Jod und eine jodhaltige Ernährung. Da die individuelle Jodversorgung von vielen Faktoren abhängt, zum Beispiel von den persönlichen Ernährungsgewohnheiten, ist es ratsam, mit der behandelnden Ärztin oder dem Arzt zu Beginn der Schwangerschaft den Jodbedarf zu besprechen.

Wenn Sie Raucherin sind, sollten Sie für einen guten Schwangerschaftsverlauf und eine gesunde Entwicklung Ihres Kindes unbedingt damit aufhören.

Diabetes-Therapie und -Medikamente in der Schwangerschaft

Es gibt kein verbindliches Therapieschema für alle – für jede Schwangere muss die individuell beste Vorgehensweise festgelegt werden. Aufgrund der Stoffwechselschwankungen in der Schwangerschaft und des individuell unterschiedlichen Insulinbedarfs muss die Insulindosis laufend gut angepasst werden. Lassen Sie Ihre Werte deshalb alle zwei Wochen bei der Diabetologin oder beim Diabetologen kontrollieren.

Schwangerschaftsvorsorge und Kontrolluntersuchungen

Eine gute ärztliche Betreuung kann Ihnen helfen, sich in der Schwangerschaft trotz Diabetes so sicher wie möglich zu fühlen:

  • Ihre Fachärztin bzw. Ihr Facharzt wird Sie möglicherweise häufiger zur Schwangerenvorsorge sehen wollen als eine stoffwechselgesunde Frau.
  • Lassen Sie vor der geplanten Schwangerschaft, zu Schwangerschaftsbeginn und je nach Befund und Risiko noch ein- bis zweimal Mal im Anschluss Ihre Netzhaut untersuchen.
  • Messen Sie möglichst regelmäßig Ihren Blutdruck und lassen Sie im Rahmen der Schwangerenvorsorge Ihren Urin auf Eiweiß testen.
  • Zwischen der 18. und 22. Woche ist eine detaillierte Feindiagnostik der kindlichen Organe und Strukturen in einem spezialisierten Zentrum möglich. Im Anschluss können alle zwei bis vier Wochen weitere Ultraschall-Untersuchungen durchgeführt werden.
  • Häufigere CTGs vor der Geburt zur Kontrollen der Herz- und Wehentätigkeit sowie die Überprüfung der Schilddrüse auf eine Über- oder Unterfunktion sind empfehlenswert.

Welche Risiken bestehen für Schwangere mit Diabetes und ihre Kinder?

In der ersten Zeit der Schwangerschaft entwickeln sich die inneren Organe des Kindes. Sind die Blutzuckerwerte der Schwangeren in dieser Zeit nicht optimal eingestellt, kann das zu Fehlbildungen beim Kind führen. Sind die Werte dagegen gut eingestellt, ist das Risiko für kindliche Fehlbildungen deutlich geringer.

Kinder von Müttern mit Diabetes Typ 1 und Typ 2 haben im Vergleich zu Kindern gesunder Frauen ein erhöhtes Risiko für Fehlbildungen vor allem an Herz, Lunge und Nervensystem. Auch Fehlbildungen der Knochen, der Harnwege, der Gallengänge und der Milz kommen häufiger vor. Weil das Kind den erhöhten mütterlichen Blutzucker verarbeiten muss und dabei viel Insulin produziert, lagert es im Laufe der Schwangerschaft möglicherweise verstärkt Fett ein und kommt deshalb mit einem zu hohen Geburtsgewicht zur Welt. Zudem wird die Reifung der Lunge verzögert, was mit Atemproblemen nach der Geburt verbunden sein kann.

Für Frauen mit einem Typ-1-Diabetes besteht vor allem zu Beginn der Schwangerschaft und besonders nachts das Risiko, dass die Blutzuckerwerte zu stark abfallen (Hypoglykämie). Ab der 20. Schwangerschaftswoche ist das Risiko geringer und die Blutzuckerwerte werden stabiler und kalkulierbarer.

Nach gegenwärtigem Kenntnisstand sind gelegentliche mütterliche Unterzuckerungen für die kindliche Entwicklung nicht problematisch, sie stellen aber eine Gefahr für die Mutter dar. Daher ist es für Sie jetzt noch wichtiger als sonst, zu wissen, welche Symptome bei Ihnen auf eine Unterzuckerung hinweisen, um richtig darauf reagieren zu können.

Bestehen bei Ihnen diabetesbedingte Erkrankungen, zum Beispiel an Augen, Nieren, Schilddrüse oder Nerven, können sie sich während der Schwangerschaft verschlechtern. Oft bilden sich die Veränderungen aber nach der Geburt wieder zurück. Netzhautveränderungen (diabetische Retinopathie) und diabetische Nierenerkrankungen (diabetische Nephropathie) müssen rechtzeitig behandelt werden.

Im weiteren Verlauf der Schwangerschaft kann sich, insbesondere bei einem schon länger bestehenden Diabetes, ein Bluthochdruck entwickeln. In diesem Fall kontrollieren Sie Ihren Blutdruck am besten täglich selbst. Auch die Schilddrüse sollte auf eine Über- oder Unterfunktion getestet werden.

Wie verläuft die Geburt bei Frauen mit Diabetes?

Frauen mit Diabetes wird empfohlen, ihr Kind in einem sogenannten Perinatalzentrum mit dem Level 1 oder 2 zu bekommen. Kliniken mit dieser Bezeichnung sind auf Risikoschwangerschaften und Frühgeburten spezialisiert und haben eine angeschlossene Kinderklinik mit Neugeborenen-Intensivstation.

Da bei Frauen mit Diabetes das Risiko einer Frühgeburt vor der 37. Schwangerschaftswoche deutlich erhöht ist, ist es gut, wenn Sie schon frühzeitig in der Schwangerschaft nach einer passenden Klinik mit einem Diabetes-erfahrenen Team Ausschau halten.

Ist der errechnete Geburtstermin erreicht, die Geburt kommt aber nicht von alleine in Gang, wird bei Frauen mit Diabetes meist die Geburt eingeleitet. Wird das Gewicht des Kindes auf mehr als 4.500 Gramm geschätzt, wird möglicherweise zu einem Kaiserschnitt geraten.

Während der Geburt sollten Ihre Blutzuckerwerte nach Möglichkeit zwischen 90 und 130 mg/dl (5,0 bis 7,2mmol/l) liegen. Um diese Werte einzuhalten, wird in der Regel alle ein bis zwei Stunden der Blutzuckerspiegel bestimmt und bei Bedarf korrigiert.

Nach der Geburt

Nach der Geburt benötigen Mutter und Kind eine intensive Betreuung. Bei der Frau sinkt der Insulinbedarf in den Stunden nach der Entbindung, dadurch steigt das Unterzucker-Risiko. Die Insulinversorgung muss deshalb dem neuen Bedarf angepasst werden.

Legen Sie Ihr Kind, wenn möglich, schon innerhalb der ersten halben Stunde nach der Geburt zum Stillen an. Kann es noch nicht selbst saugen, können Sie oder die Hebamme die Vormilch auch per Hand ausstreichen und dem Kind über eine Pipette geben. Danach sollten seine Blutzuckerwerte am ersten Tag alle drei Stunden kontrolliert werden, bis sie stabil sind.

Stillen und Diabetes

Stillen Sie Ihr Kind, wenn möglich, mindestens sechs Monate. Muttermilch verringert beim Kind nicht nur das Risiko für einen späteren Diabetes, sondern auch für Übergewicht.

Da Ihr eigener Insulinbedarf sinkt, wenn die Milchbildung einsetzt, muss Ihre Insulindosis neu angepasst werden. Als Orientierungswert dient der Bedarf vor der Schwangerschaft. Falls Sie doch auf Flaschennahrung übergehen müssen, sollten Sie die Umstellung mit Ihrem diabetischen Team besprechen.

Je nach Ihrer persönlichen Situation kommen möglicherweise auch Familienhilfe, eine über die Krankenkasse finanzierte Haushaltshilfe oder andere spezielle Hilfen für behinderte und chronisch kranke Eltern für Sie in Betracht.

Letzte Aktualisierung dieser Seite: 21.08.2018