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Interview: Ursachen, Folgen und Wege zur Verarbeitung einer traumatischen Geburtserfahrung
Eine Geburt ist ein Ausnahmeerlebnis, das viele und starke Gefühle hervorruft. Manchmal macht es Schwierigkeiten, das Erlebte zu verarbeiten. Wie das gelingen kann, erläutert Dagmar Weimer im Gespräch.

Dagmar Weimer ist Hebamme und Diplom-Psychologin. Sie begleitet und berät seit 1999 Schwangere, Mütter und Familien sowie Fachleute aus dem Gesundheits- und Sozialwesen. Seit vielen Jahren beschäftigt sie sich mit psychischen Krisen rund um die Geburt und ist unter anderem Referentin bei Schatten & Licht e.V. – Initiative peripartale psychische Gesundheit.
Man kann zum Beispiel das Schmerzerleben, das Angsterleben und die Freude unterscheiden. Die Bandbreite ist jeweils sehr groß: Es gibt Frauen, die nur von einem Dehnungsgefühl unter der Geburt berichten, andere nehmen die bisher schlimmsten Schmerzen in ihrem Leben wahr. Ähnlich groß ist die Spanne bei der Angst, die auch Begleitpersonen betreffen kann. Das ist insbesondere bei einem Notkaiserschnitt zu beobachten – in der halben Stunde können die schlimmsten Fantasien entstehen, obwohl die Frau in guten Händen ist und alles gut ausgeht.
Auch bei der Freude ist die Bandbreite der Gefühle riesengroß. Manche Frauen und Begleitpersonen sagen: „Das war der schönste Moment in meinem Leben, die Mutterliebe ist wie ein Blitzschlag über mich gekommen.“ Andere Frauen fühlen erst mal gar nichts, sie sind so fix und fertig von der Geburt, dass sie ihr Kind kaum halten können und dieses Gefühl der Mutterliebe erst Tage, Wochen oder Monate später kommt, weil sie sich körperlich erst einmal erholen müssen.
Man kann eine Geburt als traumatisch bezeichnen, wenn am Körper der Frau Eingriffe gemacht werden, zum Beispiel ein Kaiserschnitt, Dammschnitt oder der Kristeller-Handgriff. Das bedeutet aber noch nicht, dass die Geburt als traumatisch erlebt wird und psychische Folgen hat.
Ich war schon bei Geburten dabei, die ganz wunderbar verlaufen sind, und trotzdem hatte die Frau im Nachhinein Versagensgefühle – obwohl sie alles prima gemacht hat. Umgekehrt gab es komplizierte Geburten, bei denen ich als Hebamme ein schweres Herz hatte, und die Frau war stolz und fand alles ganz super.
Wenn Frauen bei einem Notkaiserschnitt gut begleitet werden und ihnen gesagt wird „Ich passe gut auf Sie auf“ oder „Ich bleibe die ganze Zeit bei Ihnen“, dann ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass sie die Geburt nicht als traumatisch erlebt.
Jede Frau bringt ihr individuelles Erleben mit und alle Frauen können nach der Geburt stolz auf sich sein.
Wenn ein Gefühl der Verzweiflung entsteht und Frauen sich allein gelassen oder hilflos fühlen, dann ist die Gefahr groß, dass es zu einem Trauma kommt. Auch ist es sehr herausfordernd, zu irgendeinem Zeitpunkt oder längerfristig Angst um die Gesundheit des Kindes zu haben.
Die körperliche Anstrengung ist über Stunden hinweg enorm. Es kann das Gefühl aufkommen, dass die Kraft nicht reicht oder das Gelernte nicht ausreicht, um die Schmerzen länger zu bewältigen. Dann ist es wichtig, dass die Frau von außen unterstützt und nicht allein gelassen wird. Viele bekommen gesagt: „Wenn das Kind erst mal da ist, dann hast du alles vergessen und es geht dir gut.“ Das ist zwar oft so, aber eben nicht immer.
Dann gibt es natürlich geburtshilfliche Komplikationen, die eine höhere Wahrscheinlichkeit der Traumatisierung mit sich bringen, zum Beispiel bei Schulterdystokie, Frühgeburt oder einer starken Blutung.
Wichtig ist auch: Manche Frauen denken, dass sie bei der Geburt nicht genug geleistet haben und ihr Baby mehr schreit, weil es eine stressige Geburt hatte. Das ist eine kausale Kette, die so nicht stimmt. Babys halten ganz schön viel aus, und auch nach einer sanften Geburt schreien manche viel. Jede Frau gibt bei der Geburt ihr Bestes. Wie eine Geburt verläuft, hängt weniger vom Können und Durchhaltevermögen einer Frau ab, sondern zu großen Teilen einfach von den Gegebenheiten, von denen sich nicht alle beeinflussen lassen. Keine Frau kann irgendetwas dafür, dass die Geburt so war, wie sie war. Trotzdem werden viele von Schuldgefühlen gequält. Es gibt aber einen Unterschied zwischen Schuld haben und sich schuldig fühlen. Ich frage in solchen Fällen oft: „Was würdest du deiner besten Freundin raten, wenn sie jetzt genau in deiner Situation wäre?“ Dann stellen wir meistens fest, dass wir die Freundin bestärken und ihr Mut machen würden. Mit uns selber sprechen wir dagegen viel schlechter.
Die Folgen einer traumatisch erlebten Geburt sind bei Müttern und Vätern insgesamt gleich. Dazu zählen häufiges Erinnern und Grübeln, Panikattacken, Albträume, Flashbacks, Schreckhaftigkeit, eine postpartale Depression, psychosomatische Beschwerden wie Migräne oder auch Probleme im sexuellen Bereich. Bei den Müttern kommt noch das Körperliche hinzu. Es kann zum Beispiel sein, dass sie ihren Unterleib als tote Zone wahrnehmen, Schmerzen oder chronische Infektionen haben.
Bei zwei Drittel der Frauen gehen solche Anzeichen mit der Zeit von allein wieder zurück. Um sie besser einzuordnen, gibt es einen Fragebogen zur Auswirkung von Traumatisierung während der Geburt auf der Website von Schatten & Licht e.V., den auch Begleitpersonen ausfüllen können. Das Ergebnis gibt eine Einschätzung, ob die Folgen mit der Zeit von allein heilen werden, ob gute soziale Unterstützung oder Gespräche für die Verarbeitung ratsam sind oder ob jemand möglicherweise professionelle Hilfe benötigt. Eine Diagnose kann aber nur ärztliches oder psychotherapeutisches Fachpersonal stellen.
Die erste Ansprechpartnerin ist die Hebamme bei der Wochenbett-Betreuung. Zudem gibt es auch noch nach der Geburt in der Geburtsklinik Ansprechpartner, zum Beispiel Babylotsen. Schwangerschaftsberatungsstellen bieten Beratung und Begleitung bis zum dritten Geburtstag des Kindes an – dort kann man ebenfalls über das Geburtserlebnis sprechen. Da kann auch der Partner oder die Begleitperson allein hingehen. Weiter gibt es online Trauma-Selbsthilfegruppen für Mütter und Väter.
Unter Umständen ist eine Traumatherapie nötig. Sie sollte im ersten Jahr nach der Geburt stattfinden. Wenn man dafür auf einer Warteliste steht, kann es sinnvoll sein, bis zum Beginn der Therapie Gespräche bei Schwangerenberatungsstellen in Anspruch zu nehmen.
Hilfreich kann auch eine „Mutter-Kind-Kur zu Hause“ sein: Man lässt sich für eine gewisse Zeit umsorgen, muss sich nicht um den Haushalt kümmern und bekommt vielleicht auch mal das Kind abgenommen, so dass man in Ruhe schlafen kann. Vielleicht ist das mit dem sozialen Umfeld oder mit Fachkräften möglich. Oft ist es nämlich zunächst wichtiger, dass die Mutter körperlich wieder auf die Beine kommt.
Viele Betroffene trauen sich nicht so recht, von ihren Gefühlen zu erzählen. Dann hilft oft die Frage „Wie geht‘s dir denn wirklich?“ und die Bereitschaft zuzuhören, gute Fragen zu stellen und das Schwere mit auszuhalten. Eigene Geburtserlebnisse oder gut gemeinte Tipps stehen in diesem Moment nicht an erster Stelle – eine Umarmung kann da viel mehr ausrichten. Entlastung schaffen auch schon kleine Tätigkeiten wie das Baby eine Weile herumtragen, Essen vorbeibringen, einmal die Wäsche zu übernehmen oder größere Kinder zum Kindergarten zu bringen.