Spät(er) Eltern werden

Das Durchschnittsalter der Schwangeren in Deutschland steigt seit vielen Jahren stetig an. Viele Paare wollen vor der Familiengründung zuerst beruflich Fuß fassen. Medizinisch gelten Erstgebärende über 35 als „Risikoschwangere“.

Erst Beruf, dann Kind

Schwangere Frau berührt lachend ihren Sohn © Corbis Images
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Die meisten jungen Frauen und Männer möchten heute zuerst eine Ausbildung machen und beruflich Fuß fassen, bevor sie eine Familie gründen. Früher war das oft anders, und auch die Ausbildungszeiten waren in vielen Fällen kürzer. Bezogen auf das frühere Bundesgebiet waren Mütter bei der Geburt ihres ersten Kindes im Jahr 1970 durchschnittlich 24, 1989 26 Jahre alt; 2015 weist die Statistik für das gesamte Bundesgebiet einen Anstieg des Alters bei der ersten Geburt auf durchschnittlich 29,5 Jahre aus – Tendenz steigend. 2010 waren bei 18,9 Prozent aller Geburten die Mütter älter als 35 Jahre, 2015 waren es rund 19,9 Prozent.

Ältere Schwangere – auch früher keine Seltenheit

Ein Blick in die Geschichte zeigt, dass ältere Schwangere kein besonderes Merkmal der heutigen Zeit sind. Es gab sie immer, und sie waren auch keine Einzelfälle, sondern Normalität. 

In der Vergangenheit waren vor allem religiöse Einstellungen, ein spätes Heiratsalter und fehlende Mittel zur Empfängnisverhütung die Ursache dafür, dass Frauen bis zu den Wechseljahren Kinder bekamen. Auch nach überstandenen Notzeiten waren späte Schwangerschaften keine Seltenheit – zum Beispiel nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs.

Späte Schwangerschaft – Risikoschwangerschaft?

Unter medizinischen Gesichtspunkten werden Erstgebärende ab 35 Jahren und werdende Mütter, die ab dem zweiten Kind älter als 40 sind, in den Mutterschafts-Richtlinien grundsätzlich als Risikoschwangere eingestuft. Diese Einstufung bedeutet nicht, dass die Frauen tatsächlich eine Risikoschwangerschaft erwartet. Denn das Alter entscheidet in den wenigsten Fällen allein darüber, ob eine Schwangerschaft risikoreich verläuft oder nicht. Verschiedene Studien kommen zu dem Ergebnis, dass ein höheres Alter der Mutter als Risikofaktor für die Schwangerschaft nicht überbewertet werden sollte. Trotzdem wird die Schwangerschaft von Frauen ab 35 Jahren in den Vorsorgeuntersuchungen auf bestimmte Werte und Befunde hin genauer überwacht.

Mögliche Risiken einer späten Schwangerschaft

Statistisch lässt sich nachweisen, dass mit zunehmendem Alter der Schwangeren die Möglichkeit genetisch bedingter Fehlbildungen beim Kind leicht steigt. Zum Beispiel erhöht sich die Wahrscheinlichkeit etwas, ein Kind mit Down-Syndrom zu bekommen. Sie beträgt bei einer 30-jährigen Schwangeren 0,1 Prozent (eins von 1000 Kindern), bei einer 35-jährigen 0,3 (drei von 1000) und bei einer 40-jährigen 1 Prozent (zehn von 1000). Aber auch wenn das Risiko für Fehlbildungen beim Kind mit höherem Alter steigt, stehen dem Millionen gesunder Kinder von Spätgebärenden gegenüber.

Wie wahrscheinlich Krankheiten, Fehlbildungen und Chromosomenschäden beim Kind sind, lässt sich durch pränataldiagnostische Untersuchungen feststellen. Die Kosten für eine Fruchtwasseruntersuchung (Amniozentese) oder alternativ für eine Gewebeuntersuchung des Mutterkuchens (Chorionzotten-Biopsie) werden bei „Risikoschwangeren“ von den gesetzlichen Krankenkassen übernommen.

Auch die Zahl der Fehl- und Frühgeburten ist bei älteren Schwangeren leicht erhöht. Komplikationen wie Schwangerschaftsdiabetes, Bluthochdruck, Thromboseneigung oder Präeklampsien treten etwas häufiger auf. Ältere Frauen sind zudem etwas häufiger übergewichtig oder chronisch krank als jüngere – was die Schwangerschaft beeinflussen kann, aber nicht muss.

Vorteile später Elternschaft: Erfahrung und Gelassenheit

Ältere Schwangere haben oft schon mindestens ein Kind und verfügen somit über eine gewisse Erfahrung. Sie sind daher oft ruhiger und entspannter als jüngere Schwangere. Viele von ihnen leben auch eher gesundheitsbewusst. Sie ernähren sich gesund und halten sich körperlich fit. Sie sind meist gut informiert und nehmen zuverlässig die Vorsorgeuntersuchungen wahr. 

Ihr Befinden in der Schwangerschaft nehmen sie insgesamt oft positiver wahr als Jüngere und berichten seltener von gesundheitlichen Risiken und Beschwerden als Frauen unter 35.

Viele Eltern sind zudem in diesem Alter „im Leben angekommen“, beruflich und finanziell abgesicherter und innerlich gelassener gegenüber den Anforderungen des Lebens.

Der Altersunterschied zwischen Eltern und Kind spielt keine so große Rolle mehr wie früher. Zum einen hat sich das Verhältnis zwischen den Generationen verändert, zum anderen steigt die Lebenserwartung in den westlichen Industriestaaten stetig an.

Mögliche Nachteile später Elternschaft

Der Höhepunkt der Fruchtbarkeit liegt bei Frauen um das 20. Lebensjahr herum. Mit zunehmendem Alter nimmt die Wahrscheinlichkeit ab, schnell und unproblematisch schwanger zu werden. Die Rolle des Alters beim Mann ist noch nicht ausreichend erforscht, aber auch bei Männern ab 40 Jahren ist eine Abnahme der Fruchtbarkeit zu beobachten. Paare, die erst spät ein Kind bekommen möchten, müssen daher mit einer längeren Wartezeit oder mehr Problemen rechnen, schwanger zu werden.

Ist das Kind dann da, kann die Umstellung auf ein Leben mit Kind in einer bereits eingespielten Lebenssituation schwieriger sein als bei jungen Eltern, deren Lebensumstände oft noch relativ flexibel sind. Möglicherweise sind manche Dinge auch anstrengender als in jüngerem Alter: Nachts mehrere Male zum Stillen aufzustehen oder wegen eines kranken Kindes gänzlich auf Schlaf zu verzichten, fällt mit 20 vielleicht leichter als mit 40.

Zusammengefasst lässt sich sagen, dass Alter und Erfahrung im Hinblick auf eine Schwangerschaft eine durchaus positive Seite haben: Sie tragen wesentlich dazu bei, dass viele Schwangere über 35 Jahre gelassener mit gesundheitlichen Risiken umgehen und gut auf die Mutterschaft vorbereitet sind.

Letzte Aktualisierung dieser Seite: 04.12.2017