Interview „Alles aussprechen, was die Seele belastet“

Andrea Lips berät Schwangere und ihre Partner während und nach pränataldiagnostischen Untersuchungen. Im Interview erzählt sie, mit welchen Fragen und Ängsten die Paare in die Beratung kommen – und wie sie ihnen helfen kann.

Wie geht es den Schwangeren oder dem Paar, wenn sie zu Ihnen in die Beratung kommen?

Die Schwangeren oder Paare, die unsere Beratungsstelle aufsuchen, kommen zu uns, wenn eine pränataldiagnostische Untersuchung einen auffälligen Befund ergeben hat. Sie wissen, mit der Entwicklung ihres Kindes stimmt etwas nicht. Sie sind schockiert, verwirrt, haben einen großen Leidensdruck und ein enormes Informations- und Gesprächsbedürfnis. Wir klären mit den Eltern, was die Diagnose bedeutet, für sie selbst, für das Kind und den Familienalltag.

Welche Unterstützung bietet die psychosoziale Beratung?

Eltern, die erfahren haben, dass ihr Kind krank oder behindert ist, stehen fast immer zunächst unter Schock. Sie brauchen einen Raum, wo man sie auffängt und stabilisiert und wo sie langsam wieder entscheidungs- und handlungsfähig werden. In der Arztpraxis ist jenseits der Diagnose selten Platz für ein ausführliches Gespräch, hier liegt der Schwerpunkt auf den medizinischen Fakten und Detailfragen. In der psychosozialen Beratung haben die Eltern die Möglichkeit, alles auszusprechen, was ihnen durch den Kopf geht, was sie befürchten oder was sie nicht genau oder vielleicht falsch verstanden haben. Sie können ihre Gefühle äußern und langsam wieder zu sich kommen. Das dauert erfahrungsgemäß einige Zeit.

Wie oft kommen die Schwangeren oder die Paare zu Ihnen?

Die Beratung findet meist an mehreren Terminen statt, im Schnitt sind es zwei bis drei. Überwiegend kommen der Partner, aber auch Familienangehörige oder andere Vertrauenspersonen zu den Treffen mit. Häufig haben die Schwangeren oder die werdenden Eltern im Vorfeld schon mit mehreren Ärztinnen und Ärzten, zum Beispiel mit Kinderärzten, und mit der Familie und Freunden gesprochen. Ein auffälliger Befund setzt in der Regel einen großen, länger andauernden inneren Bewältigungs- und Entscheidungsprozess in Gang.

Haben Frauen andere Fragen oder Ängste als Männer?

Viele Frauen befürchten beispielsweise, dass sie den Alltag mit dem Kind allein bewältigen müssen, und wissen nicht, wie sie dieser Belastung gewachsen sein werden. Und sie sind – ebenso wie viele Männer – in Sorge, was das Leben mit einem schwerkranken oder behinderten Kind für ihre Paarbeziehung bedeuten wird. Sie fragen sich, ob die Belastungen vielleicht sogar zu einer Trennung führen könnten und sie dann allein dastehen.

Was die Männer angeht, da erleben wir immer wieder, dass die Beratung ihnen ermöglicht, auszusprechen, was ihnen selbst wichtig ist. In privaten Gesprächen signalisieren sie in dem Wunsch, ihre Partnerin zu stützen, häufig, dass sie jede Entscheidung mittragen würden - auch wenn sie selbst es eventuell anders sehen als die Frau. Daher ist es so wichtig, dass beide Partner Zeit und Raum haben, ihre Gedanken und Gefühle zu äußern.

Wie erleben Paare die Beratung?

Überwiegend äußern sich die Eltern sehr positiv über die Beratung, sowohl in der akuten Situation als auch rückblickend. Ausschlaggebend für die meisten ist, ausreichend Zeit zu haben, um alles auszusprechen, was ihre Seele belastet. Dass sie innere Widersprüche klären, unterschiedliche Meinungen austauschen und in Ruhe die medizinischen Fakten nachfragen und begreifen können. Das sind die Hauptfaktoren, die dazu beitragen, dass eine Entscheidung, wie immer sie ausfällt, gut verarbeitet werden kann.

Dass die Entscheidungsfindung eine gewisse Zeit dauert und so viele verschiedene Aspekte zu bedenken sind, ist für die meisten Paare zunächst außerordentlich belastend und quälend. Im Nachhinein schildern sie dann aber häufig, wie wichtig die Auseinandersetzung mit tiefer gehenden Fragen für sie war.

Andrea Lips ist Beraterin bei EVA – Evangelische Beratungsstelle für Schwangerschaft, Sexualität und Pränataldiagnostik - des Diakonischen Werkes Bonn und Region. Sie arbeitet in der Außenstelle im Universitätsklinikum Bonn, Zentrum für Geburtshilfe und Pränatalmedizin.

Letzte Aktualisierung dieser Seite: 05.11.2014