Kaiserschnitt: Informieren, abwägen, entscheiden

Viele Schnittentbindungen werden ohne zwingenden medizinischen Grund durchgeführt. Diese Entwicklung beurteilen Fachleute kritisch.

Schwangere Frau bei der Ultraschalluntersuchung © Jose Luis Pelaez Inc/Blend Images/Corbis ImagesKlick vergrößern
© Jose Luis Pelaez Inc/Blend Images/Corbis Images

Nach Schätzungen der Weltgesundheitsorganisation (WHO) von 1985 ist bei etwa 10 bis 15 Prozent aller Schwangerschaften ein Kaiserschnitt medizinisch notwendig. In den vergangenen zwanzig Jahren ist weltweit jedoch ein starker Anstieg der Kaiserschnittraten zu beobachten, auch in Deutschland. Wurden 1997 noch 18,5 Prozent der Schwangerschaften mit einem Kaiserschnitt beendet, waren es 2015 durchschnittlich 31,1 Prozent (Daten des Statistischen Bundesamtes). Wie häufig ein Kaiserschnitt durchgeführt wird, ist auch regional und von Klinik zu Klinik sehr unterschiedlich.

Alternative zur vaginalen Geburt?

Da die Operation heute mit sehr viel weniger Risiken verbunden ist als früher, wird sie manchmal auch jenseits medizinischer Notwendigkeiten als Alternative zur normalen Geburt angesehen. Etwa zwei von hundert Schwangeren wünschen sich einen geplanten Kaiserschnitt. Aspekte, die dabei eine Rolle spielen können, sind

  • die Angst vor Schmerzen,
  • die Angst, nicht ausreichend vom geburtshilflichen Personal unterstützt zu werden,
  • der Wunsch, mögliche Auswirkungen einer vaginalen Geburt auf den Beckenboden und die Sexualität zu vermeiden und
  • die Vorteile einer zeitlichen Planbarkeit, die auch für die Kliniken eine Rolle spielen kann.

Von der Geburtshilfe zur Geburtsmedizin

Als einer der Hauptgründe für die zunehmenden Operationszahlen gilt die rasche Entwicklung der Medizintechnik in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Sie hat einen grundlegenden Wandel in der Geburtshilfe bewirkt: von der Unterstützung bei einem natürlichen Vorgang hin zu einer umfassenden technischen Kontrolle von Schwangerschaft und Geburt.

Die verbesserten Diagnosemöglichkeiten, die eine bessere Vorbeugung und Früherkennung von Krankheiten oder Fehlentwicklungen beim Ungeborenen ermöglichen, sind zweifellos ein bedeutender Fortschritt. Gleichzeitig hat sich aber ein medizinischer „Risikoblick“ entwickelt: So hat sich die Zahl der im Mutterpass verzeichneten Risikofaktoren innerhalb der letzten Jahrzehnte auf zurzeit 52 deutlich erhöht. Als Folge gelten nun erheblich mehr Frauen als „Risikoschwangere“, obwohl die Schwangeren heute gesünder und besser ernährt sind als in früheren Zeiten.

Mit der Ausweitung des Risikokatalogs erhöhte sich auch die Zahl der Kaiserschnitt-Indikationen und -operationen. Ein Kaiserschnitt zieht zudem oft weitere Schnittentbindungen nach sich: In Deutschland wird heute bei zwei Dritteln der Mütter, deren erstes Kind durch einen Kaiserschnitt zur Welt kam, beim nächsten Kind wieder ein Kaiserschnitt durchgeführt – doppelt so häufig wie noch 1990.

Angst vor der Geburt

Der „Risikoblick“ der Medizin hat das Bild von der Schwangerschaft als Zeit der „guten Hoffnung“ verändert: Viele Frauen erleben Schwangerschaft und Geburt nicht nur von Vorfreude begleitet, sondern auch von Unsicherheit und Ängsten.

Die Medizin setzt dem verlorenen Vertrauen in die eigenen naturgegebenen Fähigkeiten das Versprechen der Sicherheit entgegen. Zudem wird eine Schnittentbindung oft als eine schmerzfreie und risikoarme Geburt bezeichnet. 

Darüber, dass sich nicht nur mögliche Risiken, sondern auch die Schmerzen der Geburt beim Kaiserschnitt in die Zeit nach der Entbindung verlagern, werden nicht alle Frauen ausreichend informiert. Viele rechnen nicht damit, dass sie es nach der Operation wegen der Wundschmerzen mitunter schwerer haben, ihr Kind zu versorgen, und dass das Neugeborene Anpassungs- und Atemprobleme haben könnte oder das Stillen möglicherweise erschwert ist.

Risiken der vaginalen Geburt

Wie eine vaginale Geburt verlaufen wird, lässt sich nie genau vorhersagen. Neben den Schmerzen sind es vor allem drei Aspekte, über die sich Frauen Gedanken machen:

  • Verletzungen im Dammbereich: Bei der Geburt kann das Dammgewebe verletzt werden. Es kann einreißen, oder es wird ein Dammschnitt nötig. Je nach Schwere der Verletzung kann es eine Weile dauern, bis die Wunde verheilt ist. Solche Verletzungen sind jedoch deutlich geringfügiger als die Wunde, die ein Kaiserschnitt mit sich bringt.

  • Beckenbodenschwäche und Veränderung der Vagina: Viele Frauen haben Angst, dass eine vaginale Geburt ihren Beckenboden so schwächen könnte, dass sie später die Kontrolle über ihre Blase verlieren, oder dass sich ihre Vagina weiten würde. Der Beckenboden wird jedoch nicht nur durch die Geburt, sondern auch bereits durch das Gewicht des Kindes während der Schwangerschaft belastet. Ein Kaiserschnitt schützt daher nicht vor Beckenbodenproblemen wie einer Blasenschwäche oder Senkungsbeschwerden. Die wirksamste Vorbeugung ist eine konsequente Beckenbodengymnastik während der Schwangerschaft sowie nach der Geburt. 

  • Risiken für das Kind: Das Kind ist für die vaginale Geburt sehr gut vorbereitet. Während der Geburt wird sein Zustand überwacht. Zeichnen sich Probleme ab, die für das Kind bedrohlich werden könnten, kann meist immer noch ein Kaiserschnitt gemacht werden. 

Wichtig: Information und Beratung

Wissenschaftliche Vergleiche des Kaiserschnitts ohne medizinische Indikation mit der vaginalen Geburt lassen klare Schlüsse zu:

  • Einen Kaiserschnitt ohne medizinischen Grund zu planen bedeutet, eine Bauchoperation in Kauf zu nehmen, die mit Risiken einhergeht, den ungestörten Start in das Leben mit dem Kind erschweren und Folgen für weitere Schwangerschaften haben kann.

  • Die Entscheidung bedeutet den Verzicht auf das Geburtserlebnis mit seinem körpereigenen hormonellen Ablauf und den damit verbundenen Rückbildungsmechanismen.

  • Wird ein Kaiserschnitt vor der 39. Schwangerschaftswoche angesetzt, besteht die Gefahr, dass die Lungen des Kindes noch nicht ausgereift sind. Atemprobleme nach der Entbindung treten dann gehäuft auf.

Wenn die Angst vor einer natürlichen Geburt die werdende Mutter stark belastet, ist eine Beratung und verlässliche Betreuung durch die Hebamme und die Frauenärztin oder den Frauenarzt besonders wichtig. Vor der Entscheidung für einen geplanten Kaiserschnitt ist es sinnvoll, sich gründlich über den Eingriff zu informieren. Dies gilt natürlich auch dann, wenn ein Kaiserschnitt aus medizinischen Gründen unvermeidlich ist. Ausreichende Informationen können helfen, sich auf die möglichen Folgen der Operation einzustellen und besser mit ihnen zurechtzukommen.

 

Letzte Aktualisierung dieser Seite: 02.11.2017