Nabelschnurblut spenden?

In vielen Kliniken werden Schwangere angesprochen, ob sie nach der Geburt Nabelschnurblut spenden wollen. Stammzellen aus Nabelschnurblut können helfen, einige Krankheiten zu behandeln. Der Nutzen für eine mögliche spätere Eigenspende ist aber umstritten.

Nach der Geburt bleiben Reste von Blut aus der Plazenta in der Nabelschnur zurück. Dieses Blut enthält viele Blutstammzellen. Sie können zur Behandlung von verschiedenen lebensgefährlichen Erkrankungen zum Einsatz kommen. Meist werden sie aber mit der Nabelschnur und der Plazenta nach der Geburt ungenutzt entsorgt.

Wertvolles Nabelschnurblut

Entnahme von Nabelschnurblut
© Corbis Images

Blutstammzellen werden hauptsächlich im Knochenmark gebildet und gehen dann in die Blutbahn über. Im Gegensatz zu den ausgereiften Blutzellen im Knochenmark und in den Blutbahnen sind die Stammzellen im Nabelschnurblut in ihrer Funktion noch nicht festgelegt. Sie können sich daher zu wichtigen Bestandteilen des Blutes weiterentwickeln und teilen sich außerdem häufig. Dadurch sind Blutstammzellen in der Lage, die Blutbildung und das Immunsystem eines Menschen zu erneuern.

Blutstammzellen können so dazu beitragen, Krankheiten zu heilen, etwa Leukämien, verschiedene andere Erkrankungen des blutbildenden Systems, angeborene Immundefekte und einige Stoffwechsel-Erkrankungen. Die Spende von Nabelschnurblut kann also dazu beitragen, Leben zu retten.

Verwendung der Stammzellen

Hat ein Mensch eine Krankheit, die mithilfe von Stammzellen behandelt werden kann, werden meist Stammzellen von Spenderinnen oder Spendern übertragen (allogene Transplantation). Da Stammzellen aus Nabelschnurblut noch unreif sind, werden sie bei einer Transplantation meist relativ gut vertragen. Die Merkmale der gespendeten Stammzellen müssen deshalb mit dem Blut des Empfängers nicht unbedingt zu 100 Prozent übereinstimmen. Es können sogar Stammzellen verschiedener Spenden zusammen übertragen werden.

Bei der Eigenspende (autologe Transplantation) werden nur eigene Stammzellen zur Behandlung einer Krankheit übertragen, was mögliche Unverträglichkeitsreaktionen umgeht. Allerdings können verschiedene schwere Erkrankungen wie Leukämie oder erbliche Krankheiten nicht mit Stammzellen aus dem eigenen Nabelschnurblut behandelt werden.

Umstrittener Nutzen der Eigenspende

Manche privaten Nabelschnurblutbanken werben damit, dass das Blut (kostenpflichtig) eingelagert werden kann, um später dem Kind zur Verfügung zu stehen, falls es im Laufe seines Lebens erkrankt. Wie sinnvoll diese Investition ist, ist in der medizinischen Fachwelt umstritten. Bisher wurden nur sehr wenige der privat eingelagerten Präparate verwendet, sodass wissenschaftliche Daten fehlen, um die Verwendbarkeit und die Wirksamkeit von Eigenspenden belegen zu können.

Das hat zwei Gründe: Zum einen sind Krankheiten, die mit einer Stammzell-Transplantation behandelt werden können, selten. Deshalb werden nur sehr wenige Kinder, deren Nabelschnurblut aufbewahrt wurde, selbst einmal eine Transplantation von Blutstammzellen brauchen.

Zum anderen hoffen viele Eltern irrtümlicherweise, ihr Kind könnte durch die Eigenspende später einmal geheilt werden, falls es etwa an Leukämie erkranken sollte. Gerade bei Krankheiten der Blutbildung und des Stoffwechsels ist meist eine Fremdspende erforderlich. Damit soll ausgeschlossen werden, dass Stammzellen übertragen werden, die die Krankheit bereits in sich tragen.

Zwar werben private Nabelschnurblutbanken mit der Aussicht, die eigenen Blutstammzellen könnten eines Tages vielleicht doch für die Behandlung anderer Erkrankungen einsetzbar sein. Wissenschaftlich begründet ist dies bislang jedoch nicht.

Ein weiteres Problem der späteren Eigenübertragung ist die geringe Menge an Stammzellen, die aus dem eigenen Nabelschnurblut gewonnen werden kann – zu wenig etwa für die Krebstherapie eines Erwachsenen. Hier muss dann auf mehrere verschiedene Spenderpräparate zurückgegriffen werden.

Voraussetzungen für die Nabelschnurblut-Spende

Jede gesunde, volljährige Schwangere kann Nabelschnurblut spenden, wenn es keine Komplikationen in der Schwangerschaft gab und das Kind gesund ist. Vor der Spende müssen bestimmte (genetische) Erkrankungen der Mutter und des biologischen Vaters ausgeschlossen und das Blut der werdenden Mutter auf eine Hepatitis- oder HIV-Infektion überprüft werden. Auch eine Suchterkrankung der Mutter schließt eine Nabelschnurblut-Spende aus.

Zum genauen Ablauf einer Spende und zur weiteren Verwendung des Blutes gibt es Informationsbroschüren, die bei Nabelschnurblutbanken erhältlich sind.

Wie wird Nabelschnurblut entnommen?

Das Nabelschnurblut wird direkt nach der Geburt schmerzfrei und ohne Risiko für Mutter und Kind aus der bereits durchtrennten Nabelschnur entnommen. Anschließend wird das Blut auf mögliche Infektionen hin untersucht und die Blutgruppe festgestellt.

Im Labor werden die blutbildenden Stammzellen aus dem Blut isoliert und nach einem bestimmten Verfahren tiefgefroren aufbewahrt (Kryokonservierung). Werden sie später für eine Übertragung benötigt, taut man die Stammzellen auf.

Formen der Nabelschnurblut-Spende

Die Spenderin kann bestimmen, ob das Blut der Allgemeinheit, nur dem eigenen Kind oder bestimmten Personen, wie einem Geschwisterkind, zur Verfügung stehen soll.

  • Allgemeine Spende: Hier wird das Nabelschnurblut öffentlichen Blutbanken zur Verfügung gestellt, die nur mit ausgesuchten Geburtsstationen kooperieren. Die öffentlichen Blutbanken sind einem internationalen Netzwerk angeschlossen, das die Suche für Patientinnen und Patienten nach geeigneten Blutstammzellen organisiert. Den Spenderinnen entstehen keine Kosten.
  • Gerichtete Spende: Auch hier wird das Blut an eine öffentliche Blutbank gespendet. Die Spende ist jedoch der Behandlung eines bereits erkrankten Geschwisterkindes oder anderen Verwandten ersten Grades vorbehalten. Unter bestimmten Voraussetzungen kann die Krankenkasse der Patientin oder des Patienten die Kosten für die Einlagerung übernehmen.
  • Eigenspende: Außerdem gibt es die Möglichkeit, das Nabelschnurblut bei einer kommerziellen Blutbank ausschließlich für den möglichen Eigenbedarf einlagern zu lassen. Private Einrichtungen bieten die Lagerung der Stammzellen für einen Zeitraum von etwa 20 Jahren zu einem Preis zwischen 1500 und 3500 Euro an.

Öffentliche Nabelschnurblutbanken

In Deutschland gibt es derzeit sieben öffentliche, nichtkommerzielle Nabelschnurblutbanken in Dresden, Düsseldorf, Erlangen, Freiburg, Gauting, Hannover und Mannheim. Die meist universitären Einrichtungen sind gemeinnützig oder Teil einer Stiftung und finanzieren sich zum großen Teil mit Spendengeldern.

Alle öffentlichen Nabelschnurblutbanken unterliegen strengen gesetzlichen Richtlinien für die Aufbereitung und Lagerung des Blutes und sind vom Paul-Ehrlich-Institut zugelassen, einem Bundesinstitut, das für biomedizinische Arzneimittel zuständig ist. Die Richtlinien sollen gewährleisten, dass das Nabelschnurblut von der Entnahme bis zur Bereitstellung und Übertragung sachgerecht behandelt und gelagert wird. Die Entnahme, Aufbereitung und Lagerung der Blutstammzellen ist für die Spenderin kostenfrei.

Letzte Aktualisierung dieser Seite: 26.11.2015