Ein Kind früh verlieren

Ihr Kind durch eine Fehlgeburt oder Totgeburt zu verlieren, gehört zum Traurigsten, was Eltern widerfahren kann. Sie haben sich auf ein langes Leben mit ihm eingestellt und müssen nun nach kurzer Zeit Abschied nehmen. Für manche Eltern ist es das erste Mal, dass sie dem Tod so direkt begegnen.

Krankenschwester mit Körbchen © BZgA/HN/Schüten
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Unabhängig vom Zeitpunkt und den Umständen des Abschieds ist der Verlust eines Kindes ein tiefer Einschnitt in die Lebensgeschichte. Er zwingt zur Auseinandersetzung mit dem Sterben, vielleicht auch mit dem eigenen Tod - eine Erfahrung, die Spuren hinterlassen wird. Wenn sie ihre Trauer nicht mit ihren nächsten Mitmenschen teilen können und das Leben um sie herum weitergeht, als wäre nichts gewesen, fühlen sich Eltern oft einsam. Dies passiert häufig beim frühen Verlust ihres ungeborenen Kindes, das noch niemand außer ihnen kennen gelernt hat.

Der Preis des Fortschritts

Auch unsere hoch entwickelte Medizin kann keine Garantie dafür geben, dass eine Schwangerschaft in die glückliche Geburt eines gesunden Kindes mündet. Gerade der medizinische Fortschritt macht es schwer zu akzeptieren, dass werdendes Leben nicht in jeder Hinsicht planbar und berechenbar ist - und nicht alles „machbar“ ist.

Andererseits führen die Ergebnisse der modernen Medizin manchmal dazu, dass Eltern unerwartet vor der Entscheidung über Leben und Tod ihres Kindes stehen. Etwa dann, wenn Untersuchungen des Ungeborenen in der Schwangerschaft (Pränataldiagnostik) eine schwere Fehlbildung ergeben und eine medizinische Indikation gestellt wird.

Auch über Behandlungsmöglichkeiten bei sehr kleinen Frühgeborenen an der Überlebensgrenze oder bei Neugeborenen mit Fehlbildungen zu entscheiden, ist für Eltern nicht einfach. Manchmal ist die Hoffnung auf das Überleben des Kindes mit einem sehr hohen Einsatz und großer Leidensbereitschaft verbunden. Nicht immer gelingt, was man sich erhofft.

Stille Verbundenheit

Wenn sich ein Kind ankündigt und die Eltern es willkommen heißen, haben sie oft eine  Vorstellung vom künftigen Leben mit ihm. Es erobert sich schon früh seinen Platz in der Familie.

Manchmal kommt es als Wunschkind „wie gerufen“, manchmal ist die erste Begrüßung nicht ohne Sorgen. Aber es wächst eine besondere Verbundenheit mit diesem Kind, dessen Schicksal sich nun mit dem eigenen Lebensweg verknüpft hat.

Niemand ist einem anderen Menschen körperlich so nahe wie das ungeborene Kind seiner Mutter in ihrem Bauch. Das Ungeborene ist körperlich und seelisch von ihr umhüllt. Es empfängt über die Plazenta neben den lebensnotwendigen Nährstoffen und dem Sauerstoff auch Glücks- und Stresshormone und ist so direkt von den Erlebnissen und Gefühlen seiner Mutter betroffen. Viele Mütter nehmen frühzeitig Kontakt mit ihrem Kind auf: Es entwickelt sich eine ständige leise, bewusste wie auch unbewusste Zwiesprache zwischen beiden. Auch viele Väter und die Geschwister beteiligen sich an diesem frühen Austausch.

Geraubte Zukunft

Armbändchen eines bei der Geburt gestorbenen Kindes © BZgA/HN/Schüten
© BZgA/HN/Schüten

Wenn plötzlich Blutungen auftreten, wenn die Mutter keine Kindsbewegungen mehr spürt oder wenn die Herztöne des Kindes nicht mehr zu hören sind, können dies erste beunruhigende Zeichen sein. Manchmal fühlt sich die Mutter auch einfach alarmiert. Vielleicht haben sich bei einer Routineuntersuchung auf dem Ultraschall-Monitor Auffälligkeiten gezeigt. Vielleicht hat die Ärztin oder der Arzt ausweichende oder beschwichtigende Antworten gegeben, die die Unsicherheit fast unerträglich gemacht haben.

Wenn dann eine gezielte Ultraschall-Untersuchung bestätigt, dass das Kind nicht mehr lebt oder dass es bald sterben wird, ist nichts mehr wie vorher. Der Tod raubt den Eltern unvermittelt die Zukunft mit ihrem Kind. Die Elternliebe fällt ins Leere. Alle Hoffnungen, Vorstellungen und Pläne über das gemeinsame Leben stürzen in sich zusammen. Die Verbundenheit zerreißt schmerzhaft.

Ein Tabuthema

Wir haben wenig Vorbilder, die uns zeigen, wie wir mit einem solchen Schicksalsschlag umgehen können. Über viele Generationen hindurch war der frühe Tod eines Kindes ein Tabuthema. Viele Mütter - und erst recht Väter - haben ihr totes Kind nach seiner Geburt nie gesehen. Eine Zeitlang war es sogar üblich, Frauen in Vollnarkose zu entbinden, um sie zu schonen. Sie sollten den Anblick ihres toten Kindes nicht aushalten müssen.

Mütter und Väter dieser Generationen haben kaum jemals Trost, Anteilnahme und Mitgefühl erfahren, häufig auch nicht in der eigenen Familie. Es gab wenig Möglichkeiten, offen um ein Kind zu trauern und sich von ihm zu verabschieden. Die Töchter und Söhne, Brüder und Schwestern, die nur kurz gelebt hatten, tauchten in den Familienchroniken und Erzählungen nur selten auf. Erst seit den 1980er Jahren entwickelt sich nach und nach eine Trauerkultur auch für die früh verstorbenen Kinder.

Letzte Aktualisierung dieser Seite: 28.01.2010