Männerthemen in der Schwangerschaftskonfliktberatung

Beratung im Schwangerschaftskonflikt ist nicht nur hilfreich für Frauen. Auch für Männer kann sie sinnvoll sein. Die Beraterin Hilde Jürgens berichtet, mit welchen Themen Männer in die Beratung kommen.

Nehmen viele Männer das Angebot an, sich bei einem Schwangerschaftskonflikt beraten zu lassen?

Allein kommen Männer leider nur sehr selten. Gemeinsam mit ihrer Partnerin nehmen sie häufiger an einer Konfliktberatung teil.

Welche Themen haben die Männer?

Manchmal kommen Männer zur Beratung mit, um die Krise gemeinsam mit der Partnerin durchzustehen. Schwankt die Frau, ob sie das Kind bekommen will oder nicht, ist der Mann häufig der Bedenkenträger. Oft wartet sie auf ein positives Signal von ihm. Dass eine Frau die Schwangerschaft abbrechen will, der Mann das Kind aber unbedingt haben möchte, kommt eher selten vor.

Andere Männer sagen zu ihrer Partnerin: „Entscheide du, ob wir das Kind kriegen oder nicht. Ich trage jede Entscheidung von dir mit.“ Sie meinen es häufig gut und wundern sich dann, dass ihre Partnerin dadurch nicht an Sicherheit gewinnt. Im Gespräch wird dann häufig deutlich, dass der Mann sich eigentlich schwer damit tut, sich mit seinen eigenen Gefühlen und Wünschen auseinanderzusetzen.

In der Beratung geht es neben allen möglichen rechtlichen und finanziellen Fragen darum, Klarheit zu schaffen. Was bewegt die Frau, was beschäftigt den Mann? Kann das Kind im Bauch der Frau als ein Ausdruck der gemeinsamen Liebe und Hoffnung verstanden werden? Welche Vorstellungen gibt es vom zukünftigen Lebensweg und von der eigenen Elternschaft? Welche Ängste und Befürchtungen lasten im Moment auf beiden?

Oft ist es sehr befreiend, Wünsche und Bedenken einfach mal aussprechen zu können.

Haben Männer andere Themen, wenn sie allein in die Beratung kommen?

Meiner Erfahrung nach kommen sie mehr an ihre ureigenen Fragen heran. Oft ist die Partnerschaft nicht gefestigt oder es besteht keine richtige Beziehung zu der Frau, die dem Mann gerade mitgeteilt hat, dass sie schwanger von ihm ist und noch nicht weiß, ob sie das Kind austragen möchte.

Die meisten Männer werden in einer solchen Situation von starken Ohnmachtsgefühlen bedrängt. Sie wollen in der Regel weder jetzt noch unter diesen Umständen Vater werden und fühlen sich der ungewissen Entscheidung der Frau ausgeliefert. Häufig suchen sie verzweifelt nach Wegen, Einfluss nehmen zu können.

Was kann ein Mann in dieser Situation tun?

Er kann und sollte gegenüber der Frau seine Gedanken, Wünsche und Befürchtungen äußern. Leben Mann und Frau zusammen, finden Paare meist zu einer Entscheidung, die von beiden getragen werden kann. Ist die Beziehung dagegen zerrüttet oder kennen Mann und Frau sich nur flüchtig, sind gemeinsame Lösungen schwerer zu finden.

Ist das Verhältnis zur Frau schwierig, geht es für den Mann im ersten Schritt oft darum, seine Ohnmacht gegenüber der Entscheidung der Frau zu akzeptieren: Faktisch kann er an der augenblicklichen Situation nichts ändern. Diese Tatsache zu akzeptieren, ist oft sehr entlastend. Es vermindert den Druck, unbedingt etwas unternehmen zu müssen.

Oft lässt sich jetzt erst richtig daran arbeiten, dass sich der Mann wieder als Handelnder erleben kann. Auch für den Fall, dass die Frau sich gegen seinen Willen für oder gegen das Kind entscheidet.

Wie sieht das praktisch aus?

Zunächst einmal ist es wichtig, die unfreiwillig entstandene Dreiecksbeziehung Vater-Mutter-Kind zu ordnen. Das ungeborene Kind ist ein eigenständiger Mensch, zu dem auch der Mann vom Augenblick der Zeugung  an in einer eigenständigen Beziehung steht. Da die Zeugung ebenso ein Fakt ist wie das Kind, kann die Frage für den Mann zum Beispiel lauten: Wie stehe ich zu diesem Kind, unabhängig von der Frau?

Ich rate den Männern, sich nicht auf eine unversöhnliche Position festzulegen. Etwa: „Ich zahle zwar Unterhalt, aber ich will weder mit der Frau noch mit dem Kind etwas zu tun haben.“ Als Beraterin versuche ich deutlich zu machen, dass der Mann viel Zeit hat, sollte sich die Frau für das Kind entscheiden. Bis zur Geburt wird mindestens noch ein halbes Jahr vergehen, und in dieser Zeit kann er sich selbst eine Antwort auf die Frage geben, was für ein Vater er sein möchte.

Auch wenn er sich im Augenblick ohnmächtig fühlt, ist es doch seine Entscheidung, wie er die Verantwortung für sein Kind trägt und was für ein Vater er dem Kind sein wird. Unabhängig von moralischen Verpflichtungen kann er sein Verhältnis zu seinem Kind aktiv mitgestalten, auch wenn er später nur für den Unterhalt des Kindes sorgen möchte.

Und wenn der Mann mit Frau und Kind nichts zu tun haben will?

Dann kann er sich trotzdem überlegen, welche Informationen sein Kind von ihm bekommen sollte: etwa ein Foto oder eine Liste von wichtigen medizinischen Daten wie der Blutgruppe oder bekannten Allergien und Erbkrankheiten. Die Bedeutung solcher Dinge ist nicht zu unterschätzen.

Zwar ist und bleibt es eine Tatsache, dass am Ende die Frau und nicht er darüber entscheidet, ob das gemeinsame Kind zur Welt kommt oder nicht. Daran lässt sich nichts ändern. Aber jeder Mann hat einen eigenen Handlungsspielraum, wenn er begreift, dass er ein Vater sein wird.

Was kann ein Mann tun, wenn die Frau sagt: Zahle Unterhalt , aber ansonsten lass mich und das Kind in Ruhe?

Ich rate auch den Frauen in der Beratung, sich nicht auf eine Position festzulegen, die keine Entwicklung mehr erlaubt. Schließlich haben Kinder auch unabhängig vom Willen der Mutter ein Anrecht auf einen angemessenen Kontakt zum Vater.

Sind die Eltern vollkommen zerstritten, kann der Vater-Kind-Kontakt auch über von beiden Seiten akzeptierte Verbindungspersonen hergestellt werden, etwa die Großeltern des Kindes. Alles ist möglich. Da sollten weder die Frau noch der Mann die Tür zuschlagen und immer das Interesse des Kindes mit bedenken.

Darüber hinaus sind die Unterhaltzahlungen eines Vaters keineswegs nur von finanzieller Bedeutung. Selbst wenn es keinen Kontakt zwischen Vater und Kind geben sollte, kann das Kind doch mit dem für sein Selbstwertgefühl möglicherweise wichtigen Wissen aufwachsen, dass sein Vater zu seiner Verantwortung steht und jeden Monat an sein Kind denkt.

Hildegard Jürgens, Sozialpädagogin und Familientherapeutin, hat mehr als 25 Jahre lang Frauen und Männer bei Schwangerschaftskonflikten beraten.

Letzte Aktualisierung dieser Seite: 22.03.2018