Handlungsfähig bleiben

Männern fällt es oft schwer zu akzeptieren, dass die letzte Entscheidung über die Schwangerschaft bei der Frau liegt. Trotzdem können sie handlungsfähig sein.

Im Schwangerschaftskonflikt erscheint die Frau aus der Sicht des Mannes oft als übermächtig: Will sie das Kind, er aber nicht, muss er ihre Entscheidung am Ende hinnehmen, denn niemand kann sie zu einem Schwangerschaftsabbruch zwingen. Will er das Kind, sie aber nicht, sind ihm ebenfalls die Hände gebunden. Schließlich kann niemand die Frau dazu verpflichten, Mutter zu werden.

Bei gegensätzlichen Positionen fühlen Männer sich oft voller Wut und Ohnmacht zugleich. Gespräche mit der schwangeren Frau enden dann nicht selten in einer Sackgasse. Je mehr sich das Unbehagen des Mannes steigert, und je härter die Auseinandersetzungen werden, desto ohnmächtiger fühlt er sich.

Fluchtgedanken

Will der Mann nicht Vater werden, könnte er etwas tun, das weder ehrenhaft noch ungewöhnlich wäre: Er könnte drohen, die Frau mit dem Kind sitzen zu lassen. Er könnte behaupten, nicht der Vater zu sein, und ankündigen, dass er keinen Cent zahlen werde. Sollte das der Frau nicht behagen, könne sie das Kind ja abtreiben … Doch welcher Mann möchte so vor der Welt dastehen? Wie auch immer die Entscheidung dann ausfiele: Niemand würde damit glücklich.

Die Drohung, sie allein zu lassen, kann dazu führen, dass die Frau die Schwangerschaft gegen ihren Willen abbricht. Vielleicht überdauert die Beziehung diese Krise, doch kann eine unter Druck getroffene Entscheidung für beide Partner lang anhaltende Konflikte, Selbstzweifel und Gewissensbisse zur Folge haben – bis hin zum Scheitern der Beziehung.

Verantwortung

Für einen Mann, der gerne Vater werden möchte, ist es nur schwer zu ertragen, wenn die Frau sich gegen das Austragen der Schwangerschaft entscheiden sollte. Schließlich bedeutet das Ende der Schwangerschaft auch, dass er von seinen Vaterschaftsträumen (vorerst) Abschied nehmen muss.

Ein Schwangerschaftskonflikt verlangt vom Mann eine große seelische Reife. Zum einen soll er zu der Tatsache stehen, dass er ein Kind gezeugt hat, und entsprechend Verantwortung übernehmen. Zum anderen darf er bei einer so weit reichenden Entscheidung für sein eigenes Leben zwar mitreden, doch das letzte Wort muss er der Frau überlassen. Das ist schwer.

Schritte aus der Ohnmacht

Paar steht am Fenster und schaut raus © BZgA/HN/Eichhöfer
© BZgA/HN/Eichhöfer

Es klingt paradox: Der erste Schritt aus dem Gefühl der Ohnmacht besteht für den Mann darin zu akzeptieren, dass er im Augenblick nichts ausrichten kann. Das Akzeptieren der Tatsache, die Frau zu nichts zwingen zu können, bringt Männern oft große Entlastung. Mit einem Mal können sie in Ruhe über sich und die Situation nachdenken. Zuvor glaubten sie immerzu, unbedingt etwas tun zu müssen.

Will er Vater werden, sie aber nicht Mutter – oder schwankt sie unentwegt – kann er ihr Perspektiven für das weitere Leben aufzeigen: Welchen Anteil ist er, zum Beispiel, bereit, in der Kinderversorgung zu übernehmen? Inwieweit bliebe ihre finanzielle Unabhängigkeit erhalten? In einem offenen Gespräch wäre zu klären, was genau ihre Gründe gegen ein Kind sind, welche Ängste sie bewegen und ob realistische Möglichkeiten bestehen, ihre Bedenken auszuräumen.

Ein Mann, der (noch) nicht Vater werden will, kann sich nun vielleicht zum ersten Mal fragen, was es eigentlich für ihn persönlich bedeutet, ein Kind gezeugt zu haben? Hatte er je vor, Vater zu werden? Wenn nein: Warum nicht? Wenn ja: Wann und unter welchen Umständen hatte er sich das vorstellen können? Was würde es für ihn bedeuten, wenn die Frau entscheidet, das Kind auszutragen? Wie würde er dann seine weitere Beziehung zur Frau und zu seinem Kind gestalten?

Solche Überlegungen machen den Mann zum Handelnden und führen aus der Ohnmacht heraus.

Rat und Klärung

Es kann helfen, sich in Ruhe mit Männern zu unterhalten, die bereits Vater geworden sind oder schon einmal an einem Schwangerschaftsabbruch beteiligt waren: Wie kam die Entscheidung damals zustande? Was hat dem Mann geholfen? Würde er heute etwas anders machen? Solche Gespräche können neue Perspektiven eröffnen.

Aber manchmal sind die Freunde des Mannes nicht unbedingt die besten Ratgeber. Mitunter auch die eigenen Eltern nicht. Da heißt es schnell, der Mann solle sich „bloß kein Kind andrehen lassen“. Diese Haltung verkennt nicht nur die Tatsache, dass an einer Verhütungspanne immer zwei Menschen beteiligt sind. Außerdem lässt sich eine Schwangerschaft nun mal nicht mit einem Fingerschnippen aus der Welt schaffen.

Auch für einen Mann kann es außerordentlich hilfreich sein, sich an eine Schwangerschaftsberatungsstelle zu wenden. Dort findet er kompetente und neutrale Gesprächspartnerinnen, mit denen er die eigene Situation klären kann.

Der Mann und sein Kind

Sollte sich die Frau gegen den Willen des Mannes entscheiden, das Kind zu bekommen, ist es ratsam, nicht voreilig alle Türen zuzuschlagen. Bis zur Geburt des Kindes bleiben noch viele Monate, um eine eigene Position als Partner und Vater zu finden.

Ist unklar, ob der Vater Kontakt zu seinem Kind haben wird, gilt es wichtige Entscheidungen zu treffen. Er kann der Frau ein aktuelles Foto von sich geben, das dem Kind später zeigt, wie sein Vater aussieht bzw. ausgesehen hat. Zudem sollte er ihr eine Liste überreichen, auf der Familienkrankheiten, Allergien und andere wichtige Informationen für die Gesundheit des Kindes vermerkt sind.

Ist die Beziehung zur Frau möglicherweise auch schwierig, bleibt es doch eine Tatsache, dass der Mann unabhängig von ihr mit dem Kind verbunden ist und das Kind mit ihm. Das Kind als eigenständigen Menschen zu sehen, hilft Männern oft, die Vaterschaft als schlichte Tatsache zu akzeptieren. Das ist dann meist der Augenblick, in dem der Mann sein Vaterwerden auch gefühlsmäßig zu bejahen beginnt. Es ist der Anfang der ganz eigenen Vater-Kind-Beziehung.

Die persönliche Zukunft eines Mannes mit seinem Kind liegt allein in seiner Hand: Was für ein Vater möchte er sein? Will er nur Unterhalt zahlen und keinen Kontakt zu Frau und Kind haben? Oder kann er sich vorstellen, dem Kind ein naher Vater zu sein? Dann wird sich ein Weg finden.