Die ersten Entbindungsanstalten und damit auch die ersten Kreißsäle entstanden vor rund 250 Jahren, um unverheirateten Frauen zu ermöglichen, in einem halbwegs geschützten Rahmen kostenfrei zu entbinden. Gleichzeitig waren diese Gebärhäuser aber auch Ausbildungsstätten für angehende Ärzte und Hebammen, denen sich die ledigen Frauen für körperliche Untersuchungen vor und während der Geburt zur Verfügung zu stellen hatten. Diese Funktion der Kreißsäle als Entbindungsort einerseits und als Ausbildungsplatz andererseits brachte es mit sich, dass die Bedürfnisse der Frauen (und der Säuglinge) sehr oft missachtet wurden. Der Kreißsaal war auch ein Ort, den viele Frauen fürchteten.
Bewusstseinswandel
Erst in den 1970er Jahren setzte hier mit der Studentenbewegung und mit der Frauenbewegung ein Bewusstseinswandel ein. Allmählich setzte sich im Zuge der "sexuellen Revolution" und der zunehmenden Forderung nach Selbstbestimmung die Erkenntnis durch, dass nicht nur Sexualität, sondern auch Schwangerschaft, Geburt und Kinderbetreuung beide Partner betreffen und mithin die Väter auch am Geburtsgeschehen beteiligt sein sollten. Zugleich entwickelten fortschrittliche Mediziner, allen voran die berühmten Geburtshelfer Frédéric Leboyer und Michel Odent, neue Theorien zu einer Geburt unter "natürlichen" Bedingungen. Dazu gehörte unter anderem auch die Anwesenheit vertrauter, nahe stehender Menschen bei der Geburt. Damit wurde es erstmals möglich, dass die werdenden Väter ihre Partnerinnen zur seelischen Unterstützung in den Kreißsaal begleiten durften. Genaue Zahlen gibt es nicht, aber man schätzt, dass heute etwa neun von zehn Vätern die Geburt ihrer Kinder miterleben.
Historisch getrennt
Die historischen Wurzeln der Trennung von Mann und Frau bei der Geburt des Nachwuchses gehen weit zurück. Jahrtausende lang war die Geburt Frauensache: Mysterium, Gefahr und Initiationsritus zugleich. In streng religiösen Zusammenhängen galten Frauen vor, während und nach der Geburt eines Kindes als "unrein". Mitunter sah man in ihnen sogar eine Gefahr für ihre Umgebung, so dass sie für festgelegte Zeiträume von der Gemeinschaft ausgegliedert und isoliert wurden. Kein Mann sollte oder durfte sie in dieser Zeit berühren, wollte er nicht ebenfalls "verunreinigt" und dadurch in der Erfüllung seiner männlichen Aufgaben (Jagd, Ernte oder Verteidigung) beeinträchtigt werden
Abwesend, aber nicht bedeutungslos
Obwohl die Geburt Frauensache war, hatte der Vater seit dem Altertum aber fast immer eine praktische und symbolische Funktion bei der Geburt, die wichtig war und wenig mit dem kettenrauchenden Nervenbündel zu tun hat, das aus Karikaturen bekannt ist. Ihm waren konkrete Aufgaben übertragen: Im Allgemeinen war er zwar bei der Geburt nicht direkt anwesend, aber in der Nähe. Der werdende Vater holte und bezahlte die Hebamme, rief andere Frauen zur Unterstützung zusammen, sorgte für Essen und Getränke und einen warmen Ofen, besorgte Wasser für Sitzbäder und zum Reinigen. Kurz, er regelte alles, was das Umfeld der Geburt absicherte. Oft war er eingebunden in Rituale nach der Geburt: Er nahm das Kind aus der Hand der Hebamme und akzeptierte es damit als sein eigenes, und er war oft zuständig für das Vergraben der Nachgeburt. Häufig trug die Gebärende auch Gegenstände aus seinem Besitz bei sich, die seine Teilnahme, männliche Kraft und Schutz und das Zeichen seiner Vaterschaft signalisierten.
Auch wenn der Vater bei der Geburt nur selten direkt anwesend war, wirkte er doch praktisch und symbolisch im Hintergrund.
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Häufig gestellte Fragen
Darf der Vater bei einem Kaiserschnitt mit in den OP-Saal?
Wenn Frau und Mann das möchten, spricht im Prinzip nichts dagegen. Die meisten Kliniken sind auf die Anwesenheit des Vaters im Operationssaal eingestellt. Wenn schon vor der Geburt klar ist, dass eine Schnittentbindung nötig wird, können die werdenden Eltern in einem Vorgespräch mit der Ärztin, dem Arzt und der Hebamme besprechen, wie der Mann seine Frau während des Eingriffs und danach am besten unterstützen kann.
Muss der Arbeitgeber einen Mann für Termine im Zusammenhang mit Schwangerschaft und Geburt freistellen?
Für Arbeitgeber besteht grundsätzlich keine Verpflichtung, Männer für die Wahrnehmung solcher Termine freizustellen. Es empfiehlt sich daher, rechtzeitig das Gespräch mit dem Arbeitgeber zu suchen, um eine gütliche Vereinbarung treffen zu können. Abgesehen davon ist es ratsam, Untersuchungstermine möglichst ans Ende der ärztlichen Sprechstunden zu legen. Dann lassen sie sich besser mit den üblichen Arbeitszeiten vereinbaren.
Auch wenn die Geburt naht, empfiehlt es sich, schon früh mit dem Arbeitgeber zu sprechen, um für die "Rufbereitschaft" in der Zeit um den errechneten Geburtstermin herum eine einvernehmliche Lösung zu finden.
Gibt es den "Baby blues" auch bei Männern?
Auch Väter können sowohl vom aufwühlenden Erlebnis der Geburt als auch angesichts der neuen Anforderungen als Vater seelisch stark erschüttert werden. Wie ein schwerer Verlust oder massive Probleme kann auch eine eigentlich erwünschte Veränderung des Lebens starke Stimmungsschwankungen oder eine depressive Phase auslösen.
Manche Männer fühlen sich nach der Geburt des Kindes von ihrer Partnerin zurückgesetzt und entwickeln Eifersuchtsgefühle. Auch dies kann zu einem nachhaltigen Stimmungstief führen oder es verstärken.
Wenn die Eltern darüber reden, was sie beschäftigt, können sie sich besser darin unterstützen, sich in der neuen Situation zurechtzufinden. Halten depressive Verstimmungen über längere Zeit an oder verstärken sie sich, ist es wichtig, therapeutische Hilfe in Anspruch zu nehmen.
Stimmt es, dass das Geburtserlebnis Männer seelisch überfordern kann?
Eine Geburt hinterlässt auch bei Männern tiefe seelische Eindrücke. Ob schwierige Geburtserlebnisse einen Mann auch später noch seelisch belasten können, hängt neben seiner grundsätzlichen seelischen Stabilität davon ab, wie gut er sich auf die Geburt vorbereitet.
Männer, die große Angst vor dem Geburtserlebnis haben oder sich sorgen, weil sie etwa kein Blut sehen können, sollten darüber mit ihrer Partnerin und der Hebamme sprechen. Möglicherweise ist es dann besser, nicht mit zur Geburt zu gehen.
Bei der Geburt weitet sich die Scheide enorm. Durch das Pressen können Stuhl und Urin abgehen, und es fließt Fruchtwasser gemischt mit Blut. Ob und wie dieser Anblick später das sexuelle Empfinden eines Mannes stören kann, ist bisher nicht erforscht. Der beste Platz des Mannes ist normalerweise ohnehin seitlich oder hinter der Gebärenden, damit er die Hebamme oder das ärztliche Personal nicht behindert.
Vergleicht man die Geburtserlebnisse von Vätern, die an einem guten Geburtsvorbereitungskurs teilgenommen haben, mit denen von Vätern, die unvorbereitet waren, zeigt sich, dass vorbereitete Männer das Geburtserlebnis deutlich positiver bewerten. Informierte Männer können zum einen besser mit kritischen Geburtssituationen umgehen, zum anderen sind sie besser darauf vorbereitet, ihre Partnerin starke Geburtsschmerzen erleiden zu sehen und ihr phasenweise nicht wirklich helfen zu können. Die Teilnahme an einem Geburtsvorbereitungskurs ist werdenden Vätern deshalb zu empfehlen.


