Wenn Frauen in der ersten Zeit nach der Entbindung keine Lust auf Sex haben, ist das zunächst einmal eine Entscheidung ihres Körpers: Er muss und will sich von den Strapazen der Schwangerschaft und der Geburt erholen. Zudem hemmt das für die Milchbildung zuständige Hormon Prolaktin das sexuelle Verlangen.
Da die körperlichen Veränderungen tiefgreifend sind und manchmal auch Geburtsverletzungen abheilen müssen, kann es nach einer Geburt länger dauern, bis entspannter und schmerzfreier Geschlechtsverkehr wieder möglich ist.
Das Wochenbett – Zeit der Heilung
In den ersten sechs bis acht Wochen nach der Geburt bilden sich die meisten körperlichen Veränderungen durch die Schwangerschaft und die Geburt zurück. Die Hormone der Frau stellen sich von Schwangerschaft auf Stillzeit um. Die Gebärmutter heilt ab, Wundflüssigkeit und Blut werden mit dem Wochenfluss ausgeschieden. Allgemein wird empfohlen, mit dem ersten Geschlechtsverkehr zumindest so lange zu warten, bis der Wochenfluss abgeklungen ist, da sonst Infektionsgefahr für die Frau besteht – oder ein Kondom zu benutzen.
Geburtsverletzungen am Damm, an der Scheide und den Schamlippen verheilen allmählich, können aber bei Berührung noch längere Zeit schmerzen und brennen. Vor allem die Scheide bleibt durch die Reibung und Dehnung bei der Geburt noch eine Weile schmerzempfindlich. Auch die Wundheilung nach einem Dammriss, Dammschnitt oder Kaiserschnitt braucht ihre Zeit.
Das Stillen verlangt dem Körper zusätzliche Kraft ab. Die Brüste sind in der Stillzeit schwer und druckempfindlich. Manchmal tritt auch zwischen den Stillzeiten Milch aus.
Ein anderes Körpergefühl
Außer den körperlichen Beschwerden können weitere Faktoren nach der Geburt die Lust der Frau dämpfen. So kann zum Beispiel das Erlebnis einer schmerzhaften Geburt unbewusst Ängste vor einer zu frühen weiteren Schwangerschaft wecken.
Es dauert eine Weile, bis der Körper wieder annähernd so ist, wie er vor der Schwangerschaft war. Manche Veränderungen können allerdings bleiben. Das vorherige Gewicht lässt sich nicht immer wiedererlangen, Bauch und Brust können ihre früheren Formen dauerhaft verlieren. Manchmal bleiben Schwangerschaftsstreifen zurück, oder die Adern an den Beinen zeichnen sich deutlicher ab als vorher.
Manche Frauen tun sich schwer damit, diese Veränderungen zu akzeptieren, und haben eine gewisse Scheu, ihren „neuen“ Körper zu zeigen. Andere finden durch die Erfahrung von Schwangerschaft und Geburt zu einem positiveren Körpergefühl. Sie finden sich selbst attraktiver und haben ein größeres sexuelles Verlangen als vor der Schwangerschaft.
Das Neue lieben lernen
Auch für den Partner kann der veränderte Körper der Frau gewöhnungsbedürftig sein. Manche Männer finden die oft runderen, weicheren Formen sehr erotisch, für andere sind sie eher befremdlich. Die Befürchtung, die durch die Geburt geweitete Scheide könnte das Lustempfinden beim Geschlechtsverkehr dämpfen, ist meist unbegründet. Zudem verengt sich auch die Scheide mit der Zeit wieder etwas. Regelmäßige Übungen zur Kräftigung der Beckenbodenmuskulatur fördern die Rückbildung.
Körperliche Veränderungen und die Irritationen, die sie möglicherweise auslösen, können das sexuelle Verlangen beider Partner beeinträchtigen. Andererseits kann aber gerade die sexuelle Wiederannäherung Mann und Frau helfen, sich an diese Veränderungen zu gewöhnen, sie zu akzeptieren und zu mögen.
Der Vater: Ins Hintertreffen geraten?
Oft ist die emotionale Bindung zwischen Mutter und Kind anfangs enger als die zwischen Vater und Kind. Für die Mutter steht die Liebe zum Kind in den ersten Monaten häufig an erster Stelle. Ein Vater kann es dann doppelt schwer haben: Die Innigkeit der Mutter-Kind-Beziehung scheint ihm verwehrt, gleichzeitig hat er das Gefühl, als ginge sie zu seinen Lasten. Wenn das zärtliche Interesse der Partnerin ausschließlich auf das Kind gerichtet ist, kann er das Kind auch als Konkurrenz und die sexuelle Unlust der Partnerin als Zurückweisung erleben.
Das soziale Umfeld bietet in einer solchen Situation meist wenig Hilfe: Alle Aufmerksamkeit im Freundes- und Verwandtenkreis ist auf das Kind und das Befinden der Mutter gerichtet. Kaum einer interessiert sich dafür, wie es dem Vater geht. Seine unbefriedigten sexuellen Wünsche können für ihn deshalb auch zum Symbol des eigenen Werts in der Beziehung werden.
Ein Vater, der eine eigene enge Beziehung zum Kind aufbaut, wird die Gefühle der Mutter wahrscheinlich jedoch besser nachvollziehen können und sich weniger leicht zurückgesetzt fühlen.
Es kann eine Weile dauern, bis das Gefühlsleben in der neuen Dreierkonstellation – die Liebesbeziehung zwischen den Eltern und ihre Liebe zum Kind – ein stabiles Gleichgewicht entwickelt. Wenn das gelungen ist, kann auch die Lust auf körperliche Nähe und Sex allmählich wieder ihren Platz finden.
Keine Energie für die Liebe?
In den ersten Wochen und Monaten nach der Geburt beansprucht das Kind zu jeder Tages- und Nachtzeit die Aufmerksamkeit und Energie seiner Eltern. In der Regel ist die Mutter davon mehr betroffen als der Vater, vor allem wenn sie das Kind stillt.
Auch bei aller Liebe und bester Arbeitsteilung kann das wachsende Verlangen nach Schlaf schnell alle anderen Bedürfnisse in den Hintergrund drängen. Und selbst wenn sich die Erschöpfung in Grenzen hält, fehlen oft einfach Zeit und Ruhe für sexuelle Aktivitäten. Fantasie und Organisationstalent sind nötig, um dem Alltag die eine oder andere ungestörte Stunde abzuringen. Allerdings ist das noch keine Garantie dafür, dass sich gerade dann auch die Lust auf Sex einstellt.
Deshalb empfinden manchmal beide Partner den zeitweiligen Verzicht auf Sex als sinnvoll und akzeptabel. Wichtig ist nur, dass sie ihre Liebesbeziehung im Labyrinth der Alltagspflichten nicht aus den Augen verlieren.
Gespräche und Vertrauen helfen
Wenn beide Partner offen miteinander darüber sprechen können, was sie bewegt, können beide die Veränderung in ihrer Paarbeziehung leichter als normale Folge der Geburt des Kindes akzeptieren.
Wenn der Wille zum Gespräch da ist, es den Partnern allein aber nicht gelingt, kann eine Paarberatung sinnvoll sein. Viele Schwangerschaftsberatungsstellen bieten sowohl Einzel- als auch Paarberatungen an und können bei Bedarf Empfehlungen für eine Paar- oder Sexualtherapie geben. Auch das Gespräch mit anderen Frauen und Männern, die das Problem kennen, kann helfen, mit der Situation gut zurechtzukommen.
Es gibt keine Faustregel dafür, wie lange sexuelle Unlust nach Schwangerschaft und Geburt "normal" ist und wann spätestens der Spaß am Sex zurückkehren sollte. Geduld, Verständnis und Vertrauen in den anderen helfen, die sexuellen Durststrecken zu überstehen.
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Häufig gestellte Fragen
Seit der Geburt unseres Kindes vor fünf Monaten habe ich keine Lust mehr auf Sex. Ist das normal?
Dass Frauen in den ersten Monaten nach der Geburt kein Verlangen nach Sex mit ihrem Partner haben, ist nicht ungewöhnlich. Wann sich die Lust wieder zurückmeldet, ist sehr verschieden und lässt sich nicht vorhersagen.
Entscheidend ist, miteinander im Gespräch zu bleiben und eine vorübergehende sexuelle Flaute ohne schlechtes Gewissen oder Vorwürfe zu akzeptieren. Wenn beide Partner über ihre unterschiedlichen Bedürfnisse offen reden können, fällt das in der Regel leichter. Wichtig ist, dass der „zurückgewiesene“ Partner spürt, dass die Lustlosigkeit etwas mit der anstrengenden Gesamtsituation zu tun hat und keine Ablehnung seiner Person bedeutet. Geduld und Verständnis sind auf beiden Seiten nötig.
Sexuelle Begegnungen dienen auch der Bestätigung von Liebe und Wertschätzung. Sie für lange Zeit ersatzlos zu streichen, kann der Beziehung schaden. Beide Partner tun deshalb gut daran, sich trotz des anstrengenden Alltags regelmäßig Zeit für ihre Liebe zu reservieren.
Wann kann man nach der Geburt wieder miteinander schlafen?
Zu dieser Frage gibt es keine eindeutige medizinische Empfehlung. Grundsätzlich ist Geschlechtsverkehr dann wieder möglich, wenn alle Geburtswunden vollständig verheilt sind und beide Partner Lust auf Sex haben.
Die meisten Frauen brauchen einige Wochen oder Monate, bis ihr Körper alle Umstellungen nach der Geburt des Kindes verkraftet hat und sie auch seelisch wieder für die gemeinsame Sexualität offen sind.
Fühlt sich der Geschlechtsverkehr nach einer Geburt anders an?
Manche Frauen haben nach der Geburt ihres Kindes den Eindruck, ihre Scheide fühle sich im Vergleich zu früher "weiter" an und sie könnten den Penis ihres Partners deshalb nicht mehr so gut spüren. Manchmal hat auch der Mann eine entsprechende Empfindung. Ob dies zutrifft, hängt neben den subjektiven Gefühlen beim Geschlechtsverkehr auch davon ab, wie gut sich die Beckenbodenmuskulatur der Frau im Laufe der Zeit zurückbildet.
Durch eine Geburt werden die Muskulatur, Bänder und Sehnen der gesamten Beckenregion der Frau enorm gedehnt. Danach wird die Muskulatur der Scheidenwand und des Beckenbodens jedoch wieder fester und kräftiger, sodass sich das alte Körpergefühl meist wieder einstellt. Dieser Prozess lässt sich durch eine gezielte Rückbildungsgymnastik unterstützen. Sie besteht aus Übungen, die helfen, die Muskulatur von Bauch und Beckenboden wieder zu stärken und das Gewebe zu straffen.


