Können sich werdende Eltern auf Veränderungen in der Sexualität vorbereiten?
Es ist hilfreich, Paare bereits während der Schwangerschaft darauf hinzuweisen, dass Schwangerschaft, Geburt und die Zeit danach häufig eine Belastungssituation darstellen. Sie kann sich auf die sexuelle Lust auswirken, vor allem auf die der Frau.
Der plötzliche Rollenwechsel ist für die meisten Frauen eine enorm einschneidende Veränderung: Sie werden von der Geliebten zur Mutter, tauschen für eine Weile das öffentliche gegen das private Leben, die persönliche Freiheit gegen die ständige Verfügbarkeit für das Kind. Das alles vollzieht sich auf der Basis einer großen körperlichen und hormonellen Veränderung und oft auch einer kräftezehrenden Müdigkeit.
Bei uns wird gern die Erwartung gepredigt, wenn das Wunschkind da ist, wird alles noch viel schöner. Das wird zwar in Teilbereichen so erlebt, aber diese Erwartung lässt den anstrengenden Alltag junger Paare mit kleinen Kindern völlig außer Acht.
Was raten Sie Paaren in dieser Situation?
Erstens: Stellen Sie vorsichtig die Erwartung in Frage, dass mit der Lust alles beim Alten bleibt. Seien Sie darauf vorbereitet, dass die Lust zunächst einmal verschüttet sein kann und darf.
Zweitens: Sollte das der Fall sein, heißt das nicht: „Wir sind ein gestörtes Paar.“ Hinterfragen Sie lieber das herrschende kulturelle Konzept von sexueller Lust, das da heißt: „Wer sich als Paar liebt, der hat auch Lust zu haben.“ Des Weiteren sagt es: „Diese Lust kommt von allein, sie fällt förmlich vom Himmel. Mann und Frau haben sie beide, am besten noch zum selben Zeitpunkt und auf die gleiche Weise. Und das auch, wenn im Hintergrund die Kinder schreien, die Wäsche sich türmt und die Brust tropft.“
Dieses Konzept mag für frisch Verliebte gelten, nicht aber für junge Paare in akuten Belastungssituationen.
Wie kann das Paar sexuell wieder zueinander finden?
Sich Zeit lassen, ohne den Kontakt zueinander zu verlieren!
Sich darüber verständigen, wann für beide der richtige Zeitpunkt da ist, körperlich wieder intim zu werden.
Manchmal braucht das eine Weile nach Geburt. Sie darf durchaus den Wunsch haben, die ersten paar Monate „Ruhe“ zu haben. Genauso hat Er das Recht, sich zu wünschen, dass irgendwann mit dieser Ruhe Schluss sein soll.
Wenn beide „Ja“ zur Wiederaufnahme des sexuellen Kontaktes gesagt haben: Warten Sie nicht auf die Lust. Nehmen Sie sich – manchmal auch ohne große Erwartung auf Ekstase und Leidenschaft - wieder ein bisschen Zeit füreinander. Beschäftigen Sie sich erotisch miteinander.
Manchmal hilft es zu vereinbaren, nicht gleich beim ersten Mal Petting zu machen oder miteinander zu schlafen, sondern vorsichtig wieder den Kontakt aufzubauen. Das kann beim ersten Mal vielleicht nur Streicheln sein, beim zweiten Mal vielleicht sich streicheln und einander erregen. Wichtig ist dabei: Es muss nicht gleich klappen und muss auch nicht gleich Spaß machen.
Oft zieht sich die Frau sexuell zurück. Wie können Männer mit dieser Situation umgehen?
Ein Weg könnte sein, dass er zum Ausdruck bringt, wie sehr ihm der gemeinsame Sex fehlt. Er sollte auch ergründen, ob ihr etwas fehlt. Wo liegt möglicherweise ihr Druck oder ihre Anspannung, die ihr den Sex im Augenblick verleidet. Also: Teilen Sie sich gegenseitig die eigenen Gefühle mit, ohne Schuldgefühle zu erzeugen. Denn jeder Druck auf den anderen in einer Belastungssituation ist fehl am Platz.
Manchmal kriegen Frauen wieder Lust auf Sex, wenn wieder etwas Raum für sie selbst entsteht. Ein Abend mit der Freundin, ein Abend Sport, einmal Bummeln oder allein in die Stadt gehen kann schon Abstand zu der häuslichen Belastung bringen. Vielleicht bringt das schon einen Teil der Entspannung, die wieder Platz für (gemeinsame) Lust schafft.
Wie kann die Frau damit umgehen, wenn der Mann sich sexuell zurückzieht?
Genauso wie der Mann muss auch die Frau sich ein Herz fassen und ihn auf seinen Rückzug ansprechen.
Auf keinen Fall hilft es, auf sein Schweigen nicht zu reagieren. Im Allgemeinen geben Frauen sich die Schuld für seinen Rückzug und ziehen sich ebenfalls zurück. Das tut der Liebe nicht gut. Viele Männer sind einfach nur ähnlich schockiert und irritiert über die radikal veränderte Lebenssituation wie die Frauen. Manche sind auch belastet durch ein nicht verkraftetes männliches Geburtserlebnis. Kaum ein Mann zieht sich zurück, weil er seine Frau nach der Geburt unattraktiv findet.
Wichtig ist also: Darüber sprechen, seine möglichen Ängste ergründen, an die gemeinsam erlebte Sexualität erinnern. Sie kann ihn bitten, den körperlichen Kontakt mit wenig Erwartung in kleinen Schritten wieder aufzunehmen.
Wenn das Paar nicht allein weiterkommt, ist möglicherweise professionelle Hilfe ratsam, beispielsweise bei Pro Familia oder einer Ehe- und Lebensberatungsstelle.
(Paar- und Sexualberatungsstellen lassen sich über die Beratungsstellen-Datenbank im Kanal Beratung abrufen. Die Red.)
Dr. med. Ulrike Brandenburg (1954-2010) war Fachärztin für Psychotherapeutische Medizin und Präsidentin der Deutschen Gesellschaft für Sexualforschung. Sie hatte eine Praxis für Paar- und Familientherapie in Aachen.
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Häufig gestellte Fragen
Seit der Geburt unseres Kindes vor fünf Monaten habe ich keine Lust mehr auf Sex. Ist das normal?
Dass Frauen in den ersten Monaten nach der Geburt kein Verlangen nach Sex mit ihrem Partner haben, ist nicht ungewöhnlich. Wann sich die Lust wieder zurückmeldet, ist sehr verschieden und lässt sich nicht vorhersagen.
Entscheidend ist, miteinander im Gespräch zu bleiben und eine vorübergehende sexuelle Flaute ohne schlechtes Gewissen oder Vorwürfe zu akzeptieren. Wenn beide Partner über ihre unterschiedlichen Bedürfnisse offen reden können, fällt das in der Regel leichter. Wichtig ist, dass der „zurückgewiesene“ Partner spürt, dass die Lustlosigkeit etwas mit der anstrengenden Gesamtsituation zu tun hat und keine Ablehnung seiner Person bedeutet. Geduld und Verständnis sind auf beiden Seiten nötig.
Sexuelle Begegnungen dienen auch der Bestätigung von Liebe und Wertschätzung. Sie für lange Zeit ersatzlos zu streichen, kann der Beziehung schaden. Beide Partner tun deshalb gut daran, sich trotz des anstrengenden Alltags regelmäßig Zeit für ihre Liebe zu reservieren.
Bleibt das sexuelle Empfinden nach einem Kaiserschnitt besser erhalten als nach einer Normalgeburt?
Jede Geburtsart hat körperliche Folgen, die sich individuell sehr verschieden auswirken können. Die Vaginalgeburt weitet die Scheide zwar etwas, dies lässt sich durch eine gezielte Beckenbodengymnastik aber weitgehend rückgängig machen. Bei einem Kaiserschnitt werden wie bei jeder Bauchoperation Muskeln und Nerven durchschnitten und Gewebsschichten durchtrennt. Die so entstehenden Narben können taub bleiben, das umliegende Gewebe berührungsempfindlich. Aber auch bei einem Dammschnitt können Narben entstehen.
Für die rein körperliche sexuelle Empfindung ist der Zustand des Beckenbodens wichtig. Die Beckenbodenmuskulatur wird aber nicht erst bei der Geburt, sondern schon durch ihre Haltefunktion in der Schwangerschaft stark beansprucht. Deshalb können die Muskelkontraktionen beim Orgasmus nach einer Schwangerschaft schwächer ausfallen. Dies ist unabhängig davon, auf welche Weise das Kind zur Welt gebracht wurde.
Ein gezieltes Beckenbodentraining, wie es in Geburtsvorbereitungskursen und in Rückbildungskursen vermittelt wird, hilft, die Beckenbodenmuskulatur zu trainieren und nach der Geburt wieder in Form zu bringen. Ob Kaiserschnitt oder vaginale Geburt: Körper und Beckenboden brauchen in jedem Fall eine Zeit der Erholung und Rückbildung, bis der Geschlechtsverkehr wieder Spaß macht.
Stimmt es, dass Frauen in der Schwangerschaft mehr Lust auf Sex haben?
In der Schwangerschaft wird die gesamte Beckenregion durch den erhöhten Östrogenspiegel besser durchblutet. Das Scheidengewebe und die Schamlippen schwellen dadurch leicht an, und es wird mehr Scheidensekret gebildet. Auch die Brustwarzen sind empfindlicher.
Das Anschwellen der Geschlechtsorgane macht diese berührungsempfindlicher. Dies kann mit einer stärkeren sexuellen Erregbarkeit verbunden sein. Es kann aber auch dazu führen, dass die Lust abnimmt, weil Berührungen als unangenehm oder schmerzhaft empfunden werden.
Wie sich die Schwangerschaft auf die sexuelle Lust auswirkt, ist von Frau zu Frau sehr verschieden. Dabei spielen viele Faktoren eine Rolle: zum Beispiel Beschwerden wie Übelkeit und Müdigkeit oder ob sich eine Frau in ihrem schwangerschaftsbedingt üppigeren Körper attraktiv fühlt oder nicht.



