Schwanger über 35

Medizinisch gelten Erstgebärende über 35 und werdende Mütter, die ab dem zweiten Kind älter als 40 Jahre sind, als „Risikoschwangere“. Dabei ist das tatsächliche Risiko unklar. Ältere Schwangere fühlen sich körperlich und seelisch meist sehr wohl.

Schwangere Frau berührt lachend ihren Sohn © Corbis Images

Viele junge Frauen möchten heute zuerst eine Ausbildung machen und beruflich Fuß fassen, bevor sie eine Familie gründen. Dies gilt als wichtiger Grund für die gestiegene Zahl „später“ Schwangerschaften. Tatsächlich nimmt die Zahl der so genannten Spätgebärenden über 35 seit den 1990er Jahren beständig zu. Im Jahr 1991 waren 9,6 Prozent der Schwangeren in Deutschland über 35 Jahre alt. Im Jahr 2000 waren es 18,1 Prozent und 2010 rund 24 Prozent. Diese Zahlen beziehen sich allerdings auf alle Schwangeren, sowohl auf die Erstgebärenden als auch auf die, die schon mehr als ein Kind geboren haben.

Ältere Schwangere – auch früher keine Seltenheit

Ein Blick in die Geschichte zeigt, dass ältere Schwangere kein besonderes Merkmal der heutigen Zeit sind. Es gab sie immer, und sie waren auch keine Einzelfälle, sondern Normalität. In der Vergangenheit waren vor allem religiöse Einstellungen, ein spätes Heiratsalter und fehlende Mittel zur Empfängnisverhütung die Ursache dafür, dass Frauen bis zu den Wechseljahren Kinder bekamen. Auch nach überstandenen Notzeiten waren späte Schwangerschaften keine Seltenheit – zum Beispiel nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs.

Denkbare und tatsächliche Risiken

Unter medizinischen Gesichtspunkten werden Erstgebärende über 35 Jahre und werdende Mütter, die ab dem zweiten Kind älter als 40 sind, in den Mutterschafts-Richtlinien grundsätzlich als Risikoschwangere eingestuft. Diese Einstufung kann verunsichern, aber sie bedeutet nicht, dass die Schwangeren tatsächlich eine Risikoschwangerschaft erwartet. Trotzdem wird ihre Schwangerschaft in den Vorsorgeuntersuchungen auf bestimmte Werte und Befunde hin genauer überwacht.

Statistisch lässt sich nachweisen, dass mit zunehmendem Alter der Schwangeren die Möglichkeit von genetisch bedingten Fehlbildungen beim Kind leicht steigt. Zum Beispiel erhöht sich die Wahrscheinlichkeit etwas, ein Kind mit Down-Syndrom zu bekommen. Sie beträgt bei einer 30-jährigen Schwangeren 0,1 Prozent (eins von 1000 Kindern), bei einer 35-jährigen 0,3 (drei von 1000) und bei einer 40-jährigen ein Prozent (zehn von 1000).

Auch die Zahl der Fehl- und Frühgeburten ist bei älteren Schwangeren leicht erhöht. Komplikationen wie Schwangerschaftsdiabetes, Bluthochdruck, Thromboseneigung oder Präeklampsien treten etwas häufiger auf. Ältere Frauen sind zudem etwas häufiger übergewichtig oder chronisch krank als jüngere – was die Schwangerschaft beeinflussen kann, aber nicht muss.

Vorsorge und Pränataldiagnostik

Wie wahrscheinlich Krankheiten, Fehlbildungen und Chromosomenschäden beim Kind sind, lässt sich durch pränataldiagnostische Untersuchungen feststellen.

Die Kosten für eine Fruchtwasseruntersuchung (Amniozentese) oder alternativ für eine Gewebeuntersuchung des Mutterkuchens (Chorionzotten-Biopsie)werden von den gesetzlichen Krankenkassen übernommen. Wenn bei den Routine-Ultraschall-Untersuchungen Auffälligkeiten festgestellt werden, wird die Schwangere zu einem Ultraschall-Spezialisten überwiesen. Die nicht-eingreifenden (nicht invasiven) Tests wie zum Beispiel das Ersttrimesterscreening sind keine Kassenleistung.

Entscheidend: Eine gute Lebenssituation

Das Alter entscheidet in den wenigsten Fällen allein darüber, ob eine Schwangerschaft risikoreich verläuft. Sowohl eine Studie der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (Schwangere Frauen ab 35. Sekundärauswertung der Studie „Schwangerschaftserleben und Pränataldiagnostik“ der BZgA) wie auch die Bayerische Perinatalerhebung aus dem Jahr 2006 kommen zu dem Ergebnis, dass ein höheres Alter der Mutter als Risikofaktor für die Schwangerschaft nicht überbewertet werden sollte.

Für den Schwangerschaftsverlauf ist es nach den Ergebnissen der BZgA-Studie günstig, dass ältere Schwangere überdurchschnittlich gut ausgebildet sind und in relativ stabilen finanziellen Verhältnissen und gefestigten Partnerschaften leben. Die werdenden Väter engagieren sich häufig in der Schwangerschaft und begleiten ihre Partnerinnen zur Vorsorge und zur Geburtsvorbereitung. Die meisten älteren Schwangeren fühlen sich ausreichend unterstützt und gut versorgt. Dementsprechend fragen sie weniger nach öffentlichen Unterstützungsangeboten und nehmen sie weniger in Anspruch.

Vorteil: Erfahrung und Gelassenheit

Drei von vier älteren Schwangeren haben schon mindestens ein Kind und verfügen von daher über eine gewisse Erfahrung. Ein gutes Drittel der über 34-jährigen Frauen erwarten ihr drittes oder viertes Kind. Sie sind daher in der Regel ruhiger und entspannter als die jüngeren Schwangeren. Zudem lebt die Mehrheit der Spätgebärenden eher gesundheitsbewusst. Sie ernähren sich gesund und halten sich körperlich fit. Sie sind meist gut informiert und nehmen zuverlässig die Vorsorgeuntersuchungen wahr.

Über gesundheitliche Risiken und Beschwerden berichten ältere Schwangere weniger als jüngere. 75 Prozent von ihnen geben zum Beispiel an, keine Risiken zu haben. Zwar sind sechs Prozent von einer drohenden Früh- oder Fehlgeburt betroffen, dieser Prozentsatz ist jedoch kleiner als bei den jüngeren Schwangeren. Typische Schwangerschaftsbeschwerden wie Rückenschmerzen, Schlafstörungen oder Wadenkrämpfe erleben die über 35-jährigen oft als weniger belastend. Sie leiden auch in geringerem Maß unter Angstgefühlen, Niedergeschlagenheit, Kopfschmerzen oder Appetitlosigkeit als die jüngeren Schwangeren. Allerdings klagen ältere Schwangere mit 26 Prozent häufiger über Erschöpfung als die 25- bis 34-jährigen (22 Prozent) und die 18- bis 24-jährigen (17 Prozent). Ebenfalls mehr betroffen sind sie von Krampfadern und Hämorriden.

Zusammengefasst lässt sich sagen, dass Alter und Erfahrung im Hinblick auf eine Schwangerschaft eine durchaus positive Seite haben: Sie tragen wesentlich dazu bei, dass viele Schwangere über 35 Jahre gelassener mit gesundheitlichen Risiken umgehen und besser auf die Mutterschaft vorbereitet sind.

Letzte Aktualisierung dieser Seite: 14.01.2015