Schwangerschaftsabbruch nach medizinischer Indikation

Nicht alle werdenden Mütter und Väter fühlen sich stark genug für ein Leben mit einem schwer kranken oder behinderten Kind. Unter bestimmten Voraussetzungen ist ein Schwangerschaftsabbruch auch nach der 12. Schwangerschaftswoche rechtlich zulässig.

Im Laufe der Schwangerschaft kann es sich herausstellen, dass ein Kind krank oder behindert auf die Welt kommen wird. Manchmal ist die Entwicklungsstörung so schwerwiegend, dass es bereits während der Schwangerschaft, bei der Geburt oder bald danach sterben wird. Oder aber es sind nach der Geburt viele medizinische Eingriffe zu erwarten, von lebenserhaltenden Maßnahmen bis hin zu schweren Operationen.

Nachdenkliches Paar © Corbis Images

Liegt ein auffälliger Befund vor, bricht für viele werdende Eltern eine Welt voller Hoffnung zusammen. Sie geraten in eine tiefe Krise und erleben Augenblicke von Verzweiflung und Zukunftsangst. Nicht alle Frauen und Paare fühlen sich stark genug, die zu erwartenden Belastungen zu meistern, oder haben ein Netzwerk von Familie und Freunden, das ihnen genügend Unterstützung und Zuversicht geben kann. Manche Schwangere erwägen deshalb, ihr Kind nicht auszutragen.

Die medizinische Indikation

Ist absehbar, dass die Fortsetzung der Schwangerschaft die körperliche oder seelische Gesundheit der Schwangeren stark gefährdet, kann das  eine medizinische Indikation für einen rechtlich zulässigen Schwangerschaftsabbruch, auch nach der zwölften Schwangerschaftswoche, darstellen. Das Gesetz knüpft die medizinische Indikation jedoch an bestimmte Voraussetzungen: 

  • Unter Berücksichtigung der gegenwärtigen und zukünftigen Lebensverhältnisse der Schwangeren muss eine Gefahr für das Leben oder die Gefahr einer schwerwiegenden Beeinträchtigung des körperlichen oder seelischen Gesundheitszustandes der Schwangeren bestehen, die nicht auf eine andere zumutbare Weise abwendbar ist.
  • Zwischen der Mitteilung der Diagnose und der schriftlichen Indikationsstellung müssen drei volle Tage liegen, es sei denn, es besteht eine unmittelbare gesundheitliche Gefahr für das Leben der Mutter.
  • Vor der Ausstellung der medizinischen Indikation muss die Ärztin oder der Arzt die Schwangere über die medizinischen und psychischen Aspekte eines Schwangerschaftsabbruchs beraten und über die Möglichkeit der weiteren psychosozialen Beratung informieren. Wenn die Schwangere dies wünscht, ist die Ärztin oder der Arzt verpflichtet, Kontakte zu Beratungsstellen zu vermitteln.
  • Wird der Schwangeren die schriftliche Indikationsbescheinigung ausgehändigt, muss sie der Ärztin oder dem Arzt schriftlich bestätigen, dass sie ärztlich beraten und auf die Möglichkeit der Beratung durch weitere Stellen hingewiesen wurde.

Betroffene Frauen haben einen gesetzlichen Anspruch auf Gespräche in einer Schwangerschaftsberatungsstelle, um ihre Gefühle und Gedanken zu klären und mithilfe der Beraterin oder des Beraters eine Entscheidung zu treffen. Die Beratung kann helfen, Abschied vom Wunschbild eines gesunden Kindes zu nehmen und der Trauer Raum zu geben. Sie kann der Frau und dem Paar helfen, mit der Krise und der damit verbundenen Hilflosigkeit und Überforderung umzugehen. Gefühle wie Schuld, Selbstzweifel, Wut und Trauer sind in einer solchen Situation ganz normal. Wege zu finden, damit umzugehen, ist ebenfalls Ziel der Beratung.

Die Schwangere bestimmt jedoch selbst, ob sie Kontakt zu Schwangerschaftsberatungsstellen, Selbsthilfegruppen, Behindertenverbänden oder anderen Hilfsangeboten aufnehmen will oder nicht. Es besteht kein Beratungszwang. Verzichtet die Schwangere auf die Beratung, muss sie dies schriftlich bestätigen.

Der Schwangerschaftsabbruch

In den meisten Fällen erfahren Schwangere und werdende Eltern erst spät, dass ihr ungeborenes Kind krank ist oder behindert sein wird. Es ist dann oft schon so groß, dass ein Schwangerschaftsabbruch nicht mehr mit der Absaugmethode oder einer Ausschabung der Gebärmutter möglich ist. Bei Schwangerschaftsabbrüchen nach der zwölften Schwangerschaftswoche nach der Empfängnis (das heißt nach der 14. Woche nach dem ersten Tag der letzten Regelblutung) wird mit Medikamenten eine Geburt eingeleitet.

Die Medikamente sind notwendig, da zu diesem Zeitpunkt der Körper der Schwangeren auf den Erhalt der Schwangerschaft und noch nicht auf die Geburt eingestellt ist. Sie sollen den Muttermund weich machen und Wehen auslösen und leiten so eine Geburt ein. Bis es zu der beabsichtigten Fehlgeburt kommt, vergehen im Allgemeinen einige Stunden bis einige Tage. Zur Schmerzbehandlung können schmerzstillende Mittel eingenommen werden oder es wird eine Periduralanästhesie gelegt.

Die eingeleitete Geburt findet in einem Kreißsaal oder in einem Wehenzimmer statt. Sie wird von einer Ärztin oder einem Arzt und einer Hebamme betreut. Ist das Kind geboren, können die Eltern, wenn sie möchten, es ansehen und eine Weile mit ihm alleine sein. 

Es kann sein, dass nach der Geburt eine Ausschabung der Gebärmutter unter einer kurzen Vollnarkose notwendig wird, beispielsweise wenn Plazentareste in der Gebärmutter zurückgeblieben sind. Treten nach dem Abbruch keine Komplikationen auf und ist ihr Allgemeinbefinden gut, kann die Frau nach einigen Stunden die Klinik wieder verlassen. 

Auch nach einer solchen Fehlgeburt beginnt der Körper Milch zu bilden. Die Milchbildung kann entweder medikamentös unterbunden werden oder indem die Brüste mit kalten Kompressen gekühlt und mit einem elastischen BH hochgebunden werden. Hierbei kann eine Hebamme Rat und Unterstützung geben. Die Brüste reagieren innerhalb weniger Tage auf die ausbleibenden Signale und stellen die Milchbildung ein. 

Vor oder nach dem Schwangerschaftsabbruch werden die Eltern wahrscheinlich um die Einwilligung zu einer Gewebeentnahme oder Obduktion des Kindes gebeten, damit das genaue Krankheitsbild festgestellt werden kann. Dies kann im Hinblick auf eine neue Schwangerschaft sinnvoll sein. 

Was zu bedenken ist

Ab etwa der 20. Woche nach Empfängnis steigt die Wahrscheinlichkeit, dass das Kind die eingeleitete Geburt überlebt und auch lebensfähig ist. In diesem Fall sind Ärztinnen und Ärzte ethisch und juristisch verpflichtet, das Kind am Leben zu erhalten. Mit dem Einverständnis der Schwangeren kann deshalb vor der Geburt ein sogenannter Fetozid durchgeführt werden. Das heißt, dass in das Herz oder die Nabelschnurvene des Kindes eine Kaliumchloridlösung gespritzt wird, die zu einem sofortigen Herzstillstand und somit zum Tod des Kindes führt. 

Ärztinnen und Ärzte sind nicht verpflichtet, einen solchen Abbruch vorzunehmen. Auch Hebammen können ablehnen, daran mitzuwirken. In vielen Kliniken entscheidet ein Ethikrat, der aus ärztlichem Personal, Hebammen, Seelsorgern und Psychologen besteht, gemeinsam über die Durchführung eines Spätabbruchs.

Nach dem Schwangerschaftsabbruch

In der Regel brauchen Körper und Seele ihre eigene Zeit, um den Abbruch der Schwangerschaft und den Abschied vom Kind zu verkraften und die Rückbildungs- und Heilungsvorgänge abzuschließen. Möglicherweise besteht ein Anspruch auf die Mutterschutzfrist nach der Geburt. Wenn nicht, kann es sinnvoll sein, sich zumindest eine kurze berufliche Auszeit zu nehmen.

Neben den körperlichen Folgen bedeuten ein später Abbruch und insbesondere ein Fetozid für viele Frauen und Paare eine enorme seelische Belastung. Neben der Trauer um das Kind empfinden nicht wenige auch Schuldgefühle oder zweifeln an ihrer Entscheidung. Vielleicht treten auch Gefühle der Unzulänglichkeit und Ohnmacht gegenüber dem Schicksal auf. Vielen betroffenen Eltern hilft in dieser Ausnahmesituation eine psychosoziale Beratung und Begleitung, ebenso wie das Gespräch und der enge Kontakt mit dem geburtshilflichen Team. Selbsthilfegruppen von Eltern, die ähnliche Erfahrungen gemacht haben, können eine weitere wichtige Unterstützung sein. Sie können helfen, den Verlust zu betrauern, sich mit dem Schicksal auseinanderzusetzen und neue Zuversicht zu entwickeln.

Letzte Aktualisierung dieser Seite: 11.05.2016