Ich habe meine Ausbildung noch in den 1980er Jahren in der DDR gemacht und war dort im Kreißsaal tätig. Damals wurde ein Kaiserschnitt nur angewandt, wenn alle anderen Mittel versagt hatten. Die Kaiserschnittrate lag bei 10 bis 12 Prozent. Meiner Meinung nach ist sie dann so enorm gestiegen, weil zum einen die technische Seite des Kaiserschnitts einfacher wurde, aber auch weil die Angst der Ärzte ständig stieg, wegen geburtshilflicher Fehler angeklagt zu werden. Aus Angst vor Schadensersatzklagen haben die Mediziner lieber einen Kaiserschnitt gemacht. Zuerst bei Frühgeburten und Steißlagen, dann kamen immer mehr Gründe dazu.
Das hat die Geburtshilfe enorm verändert. Mittlerweile ist es so, dass immer weniger Ärzte zum Beispiel eine Beckenendlage vaginal entbinden können. Neulich war ich bei einer Fortbildung, da hatten 80 Prozent der Hebammen noch keine vaginale Steißlagenentbindung gesehen. Ich erinnere mich an eine Nacht 1982, da war ich innerhalb einer Schicht bei drei vaginalen Beckenendlagengeburten dabei, ich fand das damals normal. In fünf Jahren, schätze ich, ist es mit der Beckenendlagen-Spontanentbindung vorbei, dann kann das bis auf ein paar Spezialisten keiner mehr.
Gründe für den Wunsch nach Kaiserschnitt
Die hohe Kaiserschnittrate liegt aber nicht allein an den Ärzten. Zu uns kommen zunehmend mehr Frauen und Paare, die aus Gründen der Planbarkeit der Geburt oder einem besonderen Geburtsdatum sich einen Kaiserschnitt wünschen. Daten wie der 7.7.2007 oder der 11.11., der Karnevalsbeginn in Köln, sind beliebt. Ich lehne das wirklich ab. Ich habe zu oft erlebt, dass die durch einen Kaiserschnitt vor der Zeit geholten Kinder unreif waren und es ihnen insgesamt nicht gut ging.
Die Kaiserschnittrate in meiner Klinik liegt bei 30 Prozent, und ich schätze, davon sind 10 Prozent Wunschkaiserschnitte ohne medizinische Indikation, die aus terminlichen oder praktischen Gründen oder aus Angst vor Verletzungen gewünscht werden. Fünf Prozent könnten mit einem eingehenden Gespräch sicher noch verhindert werden.
Der Wunschkaiserschnitt ist im Übrigen, mir scheint das jedenfalls so, in bestimmten Schichten mehr verbreitet. Gut situierte Frauen und Paare äußern häufiger den Wunsch nach „Selbstbestimmung“ und Kontrolle über den Körper bei der Geburt. In den einfacheren Wohngegenden, wo ich Wochenbettpflege mache, ist der Wunschkaiserschnitt kein großes Thema.
Medizinische Gründe
Ich kann den Wunsch nach Kaiserschnitt ohne medizinische Indikation nicht nachvollziehen. Aber ich verstehe den Wunsch einer Frau nach einem Kaiserschnitt, wenn sie bei der ersten Geburt einen schweren Dammriss hatte, der weit ins Gewebe ging und vielleicht den Darm betroffen hat. Oder wenn das Kind in Fußlage liegt oder bei Zustand nach Schulterdystokie (bei der Schulterdystokie verkantet die vordere Schulter des Babys am Schambeinknochen, die Redaktion). Dies ist aber ein eher seltenes Problem. In manchen Fällen könnte dies auch durch etwas mehr Geduld und ein nicht so frühes aktives Vorgehen verhindert werden.
Sicher ist ein Kaiserschnitt in manchen Fällen auch zu bedenken, wenn etwa eine Vergewaltigung vorliegt. Er kann auch notwendig werden bei bestimmten mütterlichen Erkrankungen wie Querschnittslähmung oder Multiple Sklerose, bei einer Mehrlingsgeburt oder einer vorangegangenen Totgeburt.
Risiken sollten neu bestimmt werden
Zweifelhaft erscheint mir, dass eine Absenkung der Unterleibsorgane oder ein Gebärmuttervorfall durch einen Kaiserschnitt verhindert werden kann. Der meiste Druck nach unten geschieht schon in der Schwangerschaft, und der Zustand des Bindegewebes ist eine Veranlagung. Wer ein schwaches Bindegewebe hat, ist prädestiniert für Senkungsbeschwerden durch die Schwangerschaft.
Auch ein Geburtsgewicht über 4000 Gramm spricht nicht zwingend für den Kaiserschnitt, denn die Frauen sind ebenfalls größer geworden. Selten liegt ein echtes Missverhältnis zwischen Mutter und Kind vor, wie zum Beispiel, wenn eine kleine asiatische Frau mit einem sehr großen Mitteleuropäer ein Kind bekommt. Meiner Meinung nach sollte die Risikodefinition überdacht und den Verhältnissen der heutigen Zeit angepasst werden. Dann würden sich vielleicht viele Kaiserschnittdiagnosen erübrigen.
Väter nur gut vorbereitet in den Kreißsaal
Werdende Väter im Kreißsaal haben manchmal die Erwartung, dass die Geburt möglichst schnell und ohne Schmerzen vor sich geht. Oft können sie dann schlecht untätig abwarten und wollen etwas tun. Ich finde, dass sie gut auf die Geburt vorbereitet und in der Lage sein müssen, eine ruhige Fürsorge zu übernehmen, die es der Frau ermöglicht, all ihre Energie auf die Geburt zu konzentrieren. Stattdessen lenken viele Frauen ihre Energie auch auf den Mann und machen sich Gedanken, wie es ihm geht. Das raubt ihnen wertvolle Energie für die Geburt. Wenn das passiert, sollten die Männer lieber den Kreißsaal verlassen.
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Häufig gestellte Fragen
Was kann ich tun, damit es nach dem Kaiserschnitt keine Probleme beim Stillen gibt?
Stillprobleme nach einer Schnittentbindung können auftreten, wenn es nach der Operation nicht möglich ist, das Kind gleich an die Brust zu legen, etwa weil die Mutter noch unter Narkoseeinfluss steht oder das Kind behandelt werden muss. Die Milch schießt dann oft später ein als nach einer normalen Geburt.
Nach dem Eingriff kann es außerdem wegen der Wundschmerzen schwierig sein, die richtige Haltung beim Stillen zu finden. Doch mit ein wenig Unterstützung für die Mutter gelingt das Stillen nach einem Kaiserschnitt bald meist genauso gut wie nach einer Normalgeburt. Wenn nichts dagegen spricht, ist es am besten, das Kind möglichst gleich nach dem Eingriff anzulegen. Vielleicht ist es ein wenig schläfrig, oder die Mutter ist selbst noch etwas benommen von der Narkose. Klappt das Anlegen nicht gleich, kann das Klinikpersonal Tipps geben und Hilfestellung leisten.
Rat und praktische Unterstützung beim Stillen gibt auch die Hebamme. Sie kann der Mutter zum Beispiel zeigen, wie sie sich mithilfe von Kissen so abstützt, dass die Operationswunde geschützt ist und das Kind ihre Brustwarze gut erreicht.
Link zum Faltblatt der AFS:
http://www.afs-stillen.de/upload/faltblaetter/FB_Richtig_stillen.PDF
Wird bei einer Beckenendlage heute meistens ein Kaiserschnitt gemacht?
Beckenendlagen werden in Deutschland heute zu über 90 Prozent per Kaiserschnitt entbunden. Zum einen aus medizinischen Gründen, wenn die Lage des Kindes eine sehr lange und belastende Geburt wahrscheinlich macht. Zum anderen, weil die geburtshilfliche Erfahrung mit komplizierten Geburten abgenommen hat und die Kliniken oft nicht auf solche Situationen eingerichtet sind.
Noch vor einer Generation war dies anders. Hebammen, Frauenärztinnen und -ärzte waren darin geübt, Kinder in Beckenendlage, besonders große Kinder und Mehrlinge vaginal zu entbinden. Je mehr Schnittentbindungen durchgeführt werden, desto weniger können Ärztinnen, Ärzte und Hebammen Erfahrungen mit schwierigen vaginalen Geburten sammeln. Diese Entwicklung trägt dazu bei, dass die Zahl der Kaiserschnitte steigt.
Es gibt einzelne Krankenhäuser, Ärztinnen und Ärzte, die sich auf vaginale Beckenendlagengeburten spezialisiert haben. Informationen dazu geben Hebammen, gynäkologische Praxen und Klinikabteilungen. Ist die Schwangere auf den besonderen Verlauf einer Beckenendlagengeburt vorbereitet, die Geburtsklinik darauf eingestellt und das Geburtshilfeteam entsprechend qualifiziert, spricht nichts gegen eine vaginale Geburt.
Ist ein Kaiserschnitt weniger schmerzhaft als eine normale Geburt?
Eine Schnittentbindung findet unter lokaler Betäubung statt und ist daher nicht schmerzhaft. Allerdings treten nach der Operation Wundschmerzen auf, die die Mutter in den ersten Wochen stark beeinträchtigen können.
Bei einer normalen Geburt ist der Schmerz nach der Geburt meist schnell vergessen. Zudem muss heute keine gebärende Frau mehr übermäßige Schmerzen ertragen, denn es stehen wirksame Mittel zur Schmerzlinderung zur Verfügung.
Darf der Vater bei einem Kaiserschnitt mit in den OP-Saal?
Wenn Frau und Mann das möchten, spricht im Prinzip nichts dagegen. Die meisten Kliniken sind auf die Anwesenheit des Vaters im Operationssaal eingestellt. Wenn schon vor der Geburt klar ist, dass eine Schnittentbindung nötig wird, können die werdenden Eltern in einem Vorgespräch mit der Ärztin, dem Arzt und der Hebamme besprechen, wie der Mann seine Frau während des Eingriffs und danach am besten unterstützen kann.
Schützt ein Kaiserschnitt vor Beckenbodenschwäche?
Die Muskeln und Bänder des Beckenbodens werden vor allem durch das Gewicht des Kindes in den letzten Schwangerschaftswochen stark belastet. Die Dehnung des Beckenboden- und Scheidengewebes während einer vaginalen Geburt fällt im Vergleich dazu nicht so stark ins Gewicht. Ein Kaiserschnitt kann deshalb nicht garantieren, dass Beckenbodenbeschwerden wie zum Beispiel eine Blasenschwäche nicht auftreten. Die beste Vorbeugung ist regelmäßige Beckenbodengymnastik während der Schwangerschaft und danach (Rückbildungsgymnastik).
Kann man nach einem Kaiserschnitt noch normal entbinden?
Auch nach einem Kaiserschnitt ist eine normale vaginale Geburt möglich. Lag das erste Kind mit dem Po voran im Becken (Beckenendlage) oder der Mutterkuchen vor dem Ausgang der Gebärmutter (Plazenta praevia), kann das in der Folgeschwangerschaft anders sein. Auch Komplikationen während der Geburt, etwa durch eine Nabelschnurumschlingung, treten selten wiederholt auf.
Wenn jedoch wieder ein Risiko besteht, kann ein erneuter Kaiserschnitt nötig werden. Eine Schnittentbindung ist immer dann notwendig, wenn die normale Geburt für die Mutter und/ oder das Kind zu riskant wäre, oder wenn es im Geburtsverlauf zu Komplikationen kommt, die eine sofortige Operation erfordern.
Manche Frauen befürchten, dass die alte Kaiserschnittnarbe durch den stark wachsenden Bauch oder die Wehen reißen könnte. Das ist jedoch sehr unwahrscheinlich: Das Risiko, dass die Narbe wegen der Wehen Schaden nimmt, liegt bei unter einem Prozent.
Sind Kaiserschnitte für Kliniken tatsächlich lukrativer als normale Geburten?
Für den Arbeitsablauf in Kliniken haben Schnittentbindungen den Vorteil, dass sie planbar sind und meist nicht länger als eine Stunde dauern. Ein Operationstermin lässt sich außerdem zu Zeiten ansetzen, an denen genügend Personal anwesend ist. Auf diese Weise ist es möglich, Nacht- oder Wochenendarbeit zu vermeiden. Auch manche Eltern sehen die zeitliche Planbarkeit des Kaiserschnitts als Vorteil – zum Beispiel wegen der Berufstätigkeit des werdenden Vaters, der bei der Geburt anwesend sein möchte.
Zudem spielt der Kostenaspekt für manche Klinik eine möglicherweise nicht unwesentliche Rolle: Für eine Schnittentbindung stellen die Kliniken den Krankenkassen etwa das Doppelte in Rechnung als für eine normale Geburt.


