Nach Empfehlung der Weltgesundheitsorganisation (WHO) sollte ein Kaiserschnitt nur durchgeführt werden, wenn eine natürliche Geburt die Gesundheit oder das Leben von Mutter oder Kind gefährden würde. Die WHO schätzt, dass dies in etwa 10 bis 15 Prozent der Schwangerschaften zutrifft und hält deshalb eine Kaiserschnittrate in dieser Höhe für vertretbar. Trotz dieser weiterhin gültigen Empfehlung ist die Rate in den letzten zwei Jahrzehnten weltweit kontinuierlich angestiegen. In Deutschland wurden 31,3 Prozent der Frauen, die 2009 ihr Kind im Krankenhaus zur Welt brachten, mit Kaiserschnitt entbunden. 1997 waren es noch 18,5 Prozent (Daten des Statistischen Bundesamtes).
Alternative zur vaginalen Geburt?
Da die Operation heute mit sehr viel weniger Risiken verbunden ist als früher, wird sie auch jenseits medizinischer Notwendigkeiten als Alternative zur normalen Geburt angesehen. Für den geplanten Kaiserschnitt werden zum Beispiel folgende Argumente angeführt:
- Die Angst vieler Frauen vor Schmerzen
- Befürchtete Auswirkungen auf den Beckenboden und die Sexualität
- Die zeitliche Planbarkeit der kurzen operativen Geburt, die sowohl für die Kliniken als auch für die Eltern eine Rolle spielen kann
Wie eine Umfrage des Instituts für Public Health und Pflegeforschung der Universität Bremen (IPP) im Jahr 2005 festgestellt hat, ist die Zahl der Frauen, die einen echten „Wunschkaiserschnitt“ durchführen lassen, hierzulande jedoch geringer als vielfach angenommen. Im Rahmen der Befragung wurden die Erfahrungen von mehr als 1.300 gesetzlich versicherten Frauen ausgewertet, die im Jahr 2004 per Kaiserschnitt entbunden hatten. Nur zwei Prozent der Frauen, deren Kaiserschnitt schon vor der Geburt geplant war, gaben einen nichtmedizinischen Grund für den Eingriff an.
Von der Geburtshilfe zur Geburtsmedizin
Als einer der Hauptgründe für die zunehmenden Operationszahlen gilt die rasche Entwicklung der Medizintechnik in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Sie hat einen grundlegenden Wandel in der Geburtshilfe bewirkt: Von der Unterstützung bei einem natürlichen Vorgang hin zu einer umfassenden technischen Kontrolle von Schwangerschaft und Geburt.
Die verbesserten Diagnosemöglichkeiten, die Früherkennung und Vorbeugung von Krankheiten oder Fehlentwicklungen beim Ungeborenen sind zweifellos ein bedeutender Fortschritt. Gleichzeitig hat sich ein medizinischer „Risikoblick“ entwickelt: So stieg die Zahl der im Mutterpass verzeichneten Risikofaktoren innerhalb weniger Jahre von 12 auf 52. Als Folge gelten nun erheblich mehr Frauen als „Risikoschwangere“, obwohl die Schwangeren heute gesünder und besser ernährt sind als in früheren Zeiten.
Mit der Ausweitung des Risikokatalogs erhöhte sich auch die Zahl der Kaiserschnittindikationen und -operationen. Ein Kaiserschnitt zieht aus medizinischen Gründen zudem oft weitere Schnittentbindungen nach sich: In Deutschland wird fast die Hälfte der Mütter, die einen Kaiserschnitt hatten, beim nächsten Kind wieder operativ entbunden.
Angst vor der Geburt
Der Risikoblick der Medizin hat das Bild von der Schwangerschaft als Zeit der „guten Hoffnung“ verändert: Viele Frauen erleben Schwangerschaft und Geburt nicht nur von Vorfreude begleitet, sondern auch von Unsicherheit und Ängsten. Dem verlorenen Vertrauen in die eigenen naturgegebenen Fähigkeiten begegnet die Medizin mit dem Versprechen der Sicherheit. Zudem stellt die Möglichkeit der Schnittentbindung eine schmerzfreie und risikoarme Geburt in Aussicht. Dabei muss heute keine gebärende Frau mehr übermäßige Schmerzen ertragen, denn während einer normalen Geburt stehen genügend wirksame Mittel zur Schmerzlinderung zur Verfügung.
Darüber, dass sich nicht nur mögliche Risiken, sondern auch die Schmerzen der Geburt beim Kaiserschnitt in die Zeit nach der Entbindung verlagern, werden nicht alle Frauen ausreichend informiert. Viele rechnen nicht damit, dass sie es nach der Operation wegen der Wundschmerzen mitunter schwerer haben, ihr Kind zu versorgen, und dass das Neugeborene Anpassungs- und Atemprobleme haben könnte oder das Stillen möglicherweise erschwert ist.
Risiken der vaginalen Geburt
Wie eine normale vaginale Geburt verlaufen wird, lässt sich nie genau vorhersagen. Wenn nicht schon im Vorfeld Probleme erkennbar sind, sind es außer den Schmerzen vor allem zwei Risiken, die Frauen bei einer vaginalen Geburt fürchten:
- Verletzungen im Dammbereich: Im Verlauf einer natürlichen Geburt kann das Dammgewebe verletzt werden. Es kann einreißen, oder es wird ein Dammschnitt nötig. Je nach Schwere der Verletzung kann es eine Weile dauern, bis die Wunde ausgeheilt ist. Solche Verletzungen sind in den meisten Fällen jedoch deutlich geringfügiger als die Wunde, die ein Kaiserschnitt mit sich bringt.
- Beckenbodenschwäche und Veränderung der Vagina: Viele Frauen haben Angst, dass eine vaginale Geburt ihren Beckenboden so schwächen könnte, dass sie später die Kontrolle über ihre Blase verlieren, oder dass sich ihre Vagina weiten würde. Der Beckenboden wird jedoch weniger durch die Geburt als durch das Gewicht des Kindes während der Schwangerschaft belastet. Ein Kaiserschnitt schützt daher nicht vor Beckenbodenproblemen wie einer Blasenschwäche oder Senkungsbeschwerden. Die wirksamste Vorbeugung ist eine konsequente Beckenbodengymnastik während der Schwangerschaft sowie nach der Geburt. Nach einer natürlichen Geburt bringen solche Übungen auch die Vagina wieder „in Form“.
Die möglichen Risiken einer normalen Geburt sind für das Kind bei der heutigen Schwangerschafts- und Geburtsüberwachung nur noch sehr gering. Zeichnen sich Probleme ab, die für das Kind bedrohlich werden könnten, besteht in fast allen Fällen immer noch die Möglichkeit eines Kaiserschnitts. Sind solche Probleme schon vor der Geburt bekannt, wird ohnehin meist ein Kaiserschnitt durchgeführt.
Wichtig: Information und Beratung
Wissenschaftliche Vergleiche des Kaiserschnitts ohne medizinische Indikation mit der vaginalen Entbindung lassen klare Schlüsse zu:
- Einen Kaiserschnitt ohne medizinischen Grund zu planen bedeutet, ohne Not eine Bauchoperation in Kauf zu nehmen, die den ungestörten Start in das Leben mit dem Kind erschweren und Folgen für weitere Schwangerschaften haben kann.
- Sie bedeutet gleichzeitig den Verzicht auf das Geburtserlebnis mit seinen körpereigenen hormonellen Hilfen und Rückbildungsmechanismen.
- Wird ein Kaiserschnitt ohne medizinischen Grund vor der 39. Schwangerschaftswoche angesetzt, besteht die Gefahr, dass die Lungen des Kindes noch nicht ausgereift sind. Atemprobleme nach der Entbindung treten dann gehäuft auf.
Wenn die Angst vor einer natürlichen Geburt die werdende Mutter stark belastet, ist eine Beratung und verlässliche Betreuung durch die Hebamme, die Frauenärztin oder den Frauenarzt besonders wichtig. Vor der Entscheidung für einen geplanten Kaiserschnitt ist es sinnvoll, sich gründlich über den Eingriff zu informieren. Dies gilt natürlich auch dann, wenn ein Kaiserschnitt aus medizinischen Gründen unvermeidlich ist. Ausreichende Informationen können helfen, sich auf die möglichen Folgen der Operation einzustellen und besser mit ihnen fertig zu werden.
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- 14.04.11 | Weiter steigende Kaiserschnittzahlen mehr...
Häufig gestellte Fragen
Was kann ich tun, damit es nach dem Kaiserschnitt keine Probleme beim Stillen gibt?
Stillprobleme nach einer Schnittentbindung können auftreten, wenn es nach der Operation nicht möglich ist, das Kind gleich an die Brust zu legen, etwa weil die Mutter noch unter Narkoseeinfluss steht oder das Kind behandelt werden muss. Die Milch schießt dann oft später ein als nach einer normalen Geburt.
Nach dem Eingriff kann es außerdem wegen der Wundschmerzen schwierig sein, die richtige Haltung beim Stillen zu finden. Doch mit ein wenig Unterstützung für die Mutter gelingt das Stillen nach einem Kaiserschnitt bald meist genauso gut wie nach einer Normalgeburt. Wenn nichts dagegen spricht, ist es am besten, das Kind möglichst gleich nach dem Eingriff anzulegen. Vielleicht ist es ein wenig schläfrig, oder die Mutter ist selbst noch etwas benommen von der Narkose. Klappt das Anlegen nicht gleich, kann das Klinikpersonal Tipps geben und Hilfestellung leisten.
Rat und praktische Unterstützung beim Stillen gibt auch die Hebamme. Sie kann der Mutter zum Beispiel zeigen, wie sie sich mithilfe von Kissen so abstützt, dass die Operationswunde geschützt ist und das Kind ihre Brustwarze gut erreicht.
Link zum Faltblatt der AFS:
http://www.afs-stillen.de/upload/faltblaetter/FB_Richtig_stillen.PDF
Wird bei einer Beckenendlage heute meistens ein Kaiserschnitt gemacht?
Beckenendlagen werden in Deutschland heute zu über 90 Prozent per Kaiserschnitt entbunden. Zum einen aus medizinischen Gründen, wenn die Lage des Kindes eine sehr lange und belastende Geburt wahrscheinlich macht. Zum anderen, weil die geburtshilfliche Erfahrung mit komplizierten Geburten abgenommen hat und die Kliniken oft nicht auf solche Situationen eingerichtet sind.
Noch vor einer Generation war dies anders. Hebammen, Frauenärztinnen und -ärzte waren darin geübt, Kinder in Beckenendlage, besonders große Kinder und Mehrlinge vaginal zu entbinden. Je mehr Schnittentbindungen durchgeführt werden, desto weniger können Ärztinnen, Ärzte und Hebammen Erfahrungen mit schwierigen vaginalen Geburten sammeln. Diese Entwicklung trägt dazu bei, dass die Zahl der Kaiserschnitte steigt.
Es gibt einzelne Krankenhäuser, Ärztinnen und Ärzte, die sich auf vaginale Beckenendlagengeburten spezialisiert haben. Informationen dazu geben Hebammen, gynäkologische Praxen und Klinikabteilungen. Ist die Schwangere auf den besonderen Verlauf einer Beckenendlagengeburt vorbereitet, die Geburtsklinik darauf eingestellt und das Geburtshilfeteam entsprechend qualifiziert, spricht nichts gegen eine vaginale Geburt.
Ist ein Kaiserschnitt weniger schmerzhaft als eine normale Geburt?
Eine Schnittentbindung findet unter lokaler Betäubung statt und ist daher nicht schmerzhaft. Allerdings treten nach der Operation Wundschmerzen auf, die die Mutter in den ersten Wochen stark beeinträchtigen können.
Bei einer normalen Geburt ist der Schmerz nach der Geburt meist schnell vergessen. Zudem muss heute keine gebärende Frau mehr übermäßige Schmerzen ertragen, denn es stehen wirksame Mittel zur Schmerzlinderung zur Verfügung.
Darf der Vater bei einem Kaiserschnitt mit in den OP-Saal?
Wenn Frau und Mann das möchten, spricht im Prinzip nichts dagegen. Die meisten Kliniken sind auf die Anwesenheit des Vaters im Operationssaal eingestellt. Wenn schon vor der Geburt klar ist, dass eine Schnittentbindung nötig wird, können die werdenden Eltern in einem Vorgespräch mit der Ärztin, dem Arzt und der Hebamme besprechen, wie der Mann seine Frau während des Eingriffs und danach am besten unterstützen kann.
Schützt ein Kaiserschnitt vor Beckenbodenschwäche?
Die Muskeln und Bänder des Beckenbodens werden vor allem durch das Gewicht des Kindes in den letzten Schwangerschaftswochen stark belastet. Die Dehnung des Beckenboden- und Scheidengewebes während einer vaginalen Geburt fällt im Vergleich dazu nicht so stark ins Gewicht. Ein Kaiserschnitt kann deshalb nicht garantieren, dass Beckenbodenbeschwerden wie zum Beispiel eine Blasenschwäche nicht auftreten. Die beste Vorbeugung ist regelmäßige Beckenbodengymnastik während der Schwangerschaft und danach (Rückbildungsgymnastik).
Kann man nach einem Kaiserschnitt noch normal entbinden?
Auch nach einem Kaiserschnitt ist eine normale vaginale Geburt möglich. Lag das erste Kind mit dem Po voran im Becken (Beckenendlage) oder der Mutterkuchen vor dem Ausgang der Gebärmutter (Plazenta praevia), kann das in der Folgeschwangerschaft anders sein. Auch Komplikationen während der Geburt, etwa durch eine Nabelschnurumschlingung, treten selten wiederholt auf.
Wenn jedoch wieder ein Risiko besteht, kann ein erneuter Kaiserschnitt nötig werden. Eine Schnittentbindung ist immer dann notwendig, wenn die normale Geburt für die Mutter und/ oder das Kind zu riskant wäre, oder wenn es im Geburtsverlauf zu Komplikationen kommt, die eine sofortige Operation erfordern.
Manche Frauen befürchten, dass die alte Kaiserschnittnarbe durch den stark wachsenden Bauch oder die Wehen reißen könnte. Das ist jedoch sehr unwahrscheinlich: Das Risiko, dass die Narbe wegen der Wehen Schaden nimmt, liegt bei unter einem Prozent.
Stimmt es, dass Kaiserschnitte für Kliniken lukrativer sind als normale Geburten?
Für den Arbeitsablauf in Kliniken haben Schnittentbindungen den Vorteil, dass sie planbar sind und meist nicht länger als eine Stunde dauern. Ein Operationstermin lässt sich außerdem zu Zeiten ansetzen, an denen genügend Personal anwesend ist. Auf diese Weise ist es möglich, Nacht- oder Wochenendarbeit zu vermeiden. Auch manche Eltern sehen die zeitliche Planbarkeit des Kaiserschnitts als Vorteil – zum Beispiel wegen der Berufstätigkeit des werdenden Vaters, der bei der Geburt anwesend sein möchte.
Zudem spielt der Kostenaspekt für manche Klinik eine möglicherweise nicht unwesentliche Rolle: Für eine Schnittentbindung stellen die Kliniken den Krankenkassen etwa das Doppelte in Rechnung als für eine normale Geburt.
Kann ich mir aussuchen, ob ich mein Kind mit einem Kaiserschnitt oder durch eine normale Geburt zur Welt bringe?
Ein Kaiserschnitt darf nur vorgenommen werden, wenn es dafür einen medizinischen Grund gibt. Er ist zwar mittlerweile ein Routineeingriff, aber er bleibt eine Bauchoperation. Wie bei jeder Operation können dabei Komplikationen auftreten. Die Entscheidung, ob mit oder ohne Kaiserschnitt entbunden wird, liegt bei der behandelnden Ärztin oder dem behandelnden Arzt.
Manche Frauen wünschen sich einen Kaiserschnitt, weil sie große Angst vor den Wehenschmerzen und der Geburt haben. In diesem Fall ist es am besten, mit der Hebamme, der Ärztin oder dem Arzt darüber zu sprechen. Es gibt mittlerweile viele Möglichkeiten und Methoden, Ängste zu mindern und Geburtsschmerzen wirksam zu lindern.






