
Der Schock hat unterschiedliche Gesichter: Je nach Persönlichkeit und Temperament zeigen manche Menschen nach außen kaum Reaktionen, wirken sachlich, beherrscht oder gar teilnahmslos. Andere sind von Verzweiflung überwältigt und können keine weitere Information mehr aufnehmen.
Die furchtbare Nachricht ist zunächst meist unbegreiflich: Wie wird es weiter gehen? Wie soll man den Schmerz ertragen? Was ist zu tun? Woher die Kraft nehmen, das tote oder sterbende Kind zur Welt zu bringen? Die erste Reaktion ist häufig eine Art Fluchtreflex: So schnell wie möglich die unerträgliche Situation beenden, befreit werden von dem, was man sich nicht vorstellen kann.
Unterstützung finden
Doch es muss nicht rasch gehandelt werden, sofern für die Mutter kein gesundheitliches Problem besteht. Eltern haben fast immer die Zeit, die notwendig ist, um das Ereignis in seinem ganzen Ausmaß zu erfassen. Es ist wichtig, jeden Schritt auf dem weiteren Weg in Ruhe zu überdenken und auch innerlich zu vollziehen.
In dieser Situation ist es für die meisten Menschen ein Segen, wenn sie nahe Freundinnen, Freunde oder Verwandte an ihrer Seite haben, die sie durch die kommenden Tage, Wochen und Monate begleiten. Auch die Unterstützung der betreuenden Hebamme bedeutet meist eine große Entlastung. Sie kann helfen, den Überblick über die anstehenden Entscheidungen zu behalten, und beraten, was zu tun ist. Die Ärztin oder der Arzt kann die Hebamme gleich zum ersten Beratungsgespräch nach der Diagnose hinzu bitten.
Manche Paare oder Mütter suchen auch seelsorgerische oder psychologische Hilfe. In manchen Kliniken oder Arztpraxen arbeiten verschiedene Berufsgruppen zusammen, um diese Unterstützung anzubieten oder ein entsprechendes Angebot zu vermitteln. Schwangerschafts-Beratungsstellen sind ebenfalls auf Krisensituationen eingestellt. Hier können Eltern Rückhalt und Hilfe bekommen, um sich darüber klar zu werden, welcher Weg ihnen entspricht und hilft, das Erlebnis zu verarbeiten.
Schnelle Lösung ist nicht immer hilfreich
Der Wunsch nach einer "schnellen Befreiung" aus der Situation lässt eine sofortige Einleitung der Geburt oder einen Kaiserschnitt oft als einzig denkbare Lösung erscheinen. Es ist jedoch ratsam, nichts zu überstürzen und die Entscheidung sorgfältig mit der Hebamme, der Ärztin oder dem Arzt zu überdenken und abzuwägen.
Eine allzu rasch vollzogene Trennung vom Kind kann Eltern das innerliche Abschiednehmen erschweren und sie später belasten. Dem natürlichen Gang der Dinge zu folgen und die Geburt abzuwarten, macht es der Mutter und dem Vater unter Umständen leichter, mit dem Ereignis auch seelisch Schritt zu halten und ihrer Trauer Raum zu geben. Vielleicht bleibt noch Zeit, sich in Ruhe auf die Geburt und den Abschied einzustimmen. Das Paar kann darüber nachdenken, wie es diese besondere Aufgabe und Herausforderung bewältigen möchte und was ihm am besten dabei helfen könnte.
Auch eine Geburt, die zugleich einen Abschied bedeutet, kann ein tiefes und unvergessliches Erlebnis sein.
Körper und Seele arbeiten Hand in Hand
Normalerweise ist es aus medizinischer Sicht möglich, den natürlichen Beginn der Wehen abzuwarten, auch wenn das Ungeborene nicht mehr lebt. Das kann mehrere Tage, je nach Reifegrad der Schwangerschaft selten auch einmal zwei Wochen oder länger dauern. Während dieser Zeit ist eine intensive Begleitung durch die Hebamme, die Ärztin oder den Arzt wichtig. Solange die Kontrolluntersuchungen unauffällig bleiben, bedeutet das Abwarten keine gesundheitliche Gefährdung für die Mutter.
Vom verstorbenen Kind geht keine Gefahr für die Schwangere aus. Die verbreitete Sorge vor "Leichengift" ist unbegründet. So lange die Fruchthülle intakt ist, sind Kind und Fruchtwasser keimfrei. Auch wenn das tote Kind zur Welt gekommen ist, enthält sein Gewebe keine krank machenden Bakterien – es sei denn, es hatte eine schwere Infektion.
Die Geburtsvorgänge und die Bildung der zugehörigen Hormone und körpereigenen schmerzlindernden Stoffe werden vom mütterlichen Gehirn gesteuert. Dabei ist das Nervensystem stets eng mit den seelischen Vorgängen verknüpft. Körper und Seele arbeiten gewissermaßen Hand in Hand: Die körperlichen Vorgänge während der Geburt erleichtern es der Seele, Abschied zu nehmen.
Weiterführende Informationen
- Bundesverband Verwaiste Eltern in Deutschland e.V.
Die Elterninitiative bietet Hilfe für trauernde Mütter, Väter, Geschwister, Großeltern und Menschen, die sie begleiten möchten. Der Verein bietet Betroffenen Einzelgespräche und Trauerarbeit in Gesprächsgruppen im ganzen Bundesgebiet an. Informative Homepage mit zahlreichen Literatur- und Linktipps.
(Recherchedatum: 27.10.2011) - Initiative REGENBOGEN "Glücklose Schwangerschaft" e.V.
Kontaktkreis für Eltern, die ein Kind durch Fehlgeburt, Frühgeburt, Totgeburt oder kurz nach der Geburt verloren haben. Adressenverzeichnis mit Gesprächsgruppen im ganzen Bundesgebiet, zahlreiche Broschüren zum Thema, viele Hintergrundinformationen, Informationen zum Recht und zur Bestattung.
(Recherchedatum: 04.11.2011)
Publikationen zum Thema
Beratungsstellensuche
Häufig gestellte Fragen
Warum wird nicht immer ein Kaiserschnitt gemacht, wenn das Kind tot ist?
Auch wenn der Kaiserschnitt heute bedeutend sicherer geworden ist als früher, birgt er für die Mutter ein doppelt so hohes Risiko wie eine natürliche Geburt. Auch die möglichen Folgen für eine erneute Schwangerschaft und Geburt sind nicht zu unterschätzen.
Die Narkose während der Operation macht die Geburt selbst zwar schmerzfrei, in den Tagen danach ist jedoch infolge des Bauchschnitts mit Wundschmerzen zu rechnen. Zum seelischen Schmerz über den Verlust des Kindes kommen also noch körperliche Schmerzen und Beeinträchtigungen durch den Eingriff hinzu.
Was passiert, wenn die Geburt künstlich eingeleitet wird?
Wenn die Geburt sofort nach der traurigen Diagnose medikamentös eingeleitet wird, treffen die künstlichen Wehenhormone oft auf eine Gebärmutter, die zu diesem Zeitpunkt noch nicht reif ist für die Geburt.
In dieser Zeit ist der Körper noch darauf eingestellt, das Ungeborene zu halten und zu schützen. Es ist daher nicht ganz leicht, durch künstliche Hormone geburtswirksame Wehen hervorzurufen. Es kann trotz schmerzhafter Wehen manchmal bis zu mehreren Tagen dauern, bis der Muttermund bereit ist, sich zu öffnen. Manchmal ist auch zu einem späteren Zeitpunkt ein erneuter Versuch nötig.
Kann die Geburt möglichst schmerzfrei ablaufen?
Wenn bereits der seelische Schmerz übergroß ist, ist der Wunsch nach einer möglichst schmerzfreien Geburt oft besonders dringlich. In der Klinik ist für eine ausreichende Schmerzlinderung gesorgt, meist wird eine starke örtliche Betäubung (Periduralanästhesie) angeboten. Möchte die Gebärende dies nicht, kann sie zu jedem Zeitpunkt der Geburt Schmerzlinderung verlangen. Keine Frau sollte mehr Schmerzen ertragen, als sie bereit ist, zu verkraften.
Wenn die Geburt in einer geborgenen und harmonischen Atmosphäre stattfindet und die Frau vertraute Menschen und ein einfühlsames Geburtshilfeteam an ihrer Seite hat, ist es vielleicht auch möglich, die Geburt ohne Schmerzmittel zu bewältigen. Die Wehen und den Geburtsschmerz körperlich zu spüren, kann es der Seele erleichtern, Abschied zu nehmen.
Kann das Kind auch zu Hause geboren werden?
Auch eine Geburt zu Hause oder im Geburtshaus ist im Allgemeinen möglich, sofern sie professionell begleitet wird und keine speziellen gesundheitlichen Einschränkungen vorliegen.
Eine kontinuierliche Begleitung durch eine Hebamme eröffnet häufig einen größeren Spielraum, auf persönliche Wünsche des Paares einzugehen. Bei einer Hausgeburt ist es meist auch eher möglich, das Baby gemeinsam mit den Geschwisterkindern und anderen nahe stehenden Personen zu begrüßen und zu verabschieden. Die Intimität in den eigenen vier Wänden hilft manchen Familien, diese besondere Geburt und den Abschied vom Kind so persönlich wie möglich zu gestalten und zu bewältigen.
Wenn das Baby lebend geboren wird, aber nur eine kurze Lebensspanne hat, ist es wichtig, dass die Hebamme, die (Kinder-)Ärztin oder der Arzt darauf eingestellt sind, es beim Sterben zu begleiten. Die Geborgenheit und Liebe der Eltern ist für das sterbende Kind jedoch die wichtigste Hilfe.


