Sozialer Wandel: späte Mutterschaft

Rein biologisch liegt das optimale Alter einer Frau für eine Schwangerschaft zwischen 19 und 24 Jahren. In der Realität liegt das durchschnittliche Alter einer Erstgebärenden bei etwa 29 Jahren – Tendenz steigend. Was hat die Lebens- und Familienplanung so gravierend verändert?

Chancen für Frauen

Glückliche Eltern mit ihrem schlafenden Baby auf dem Arm © Corbis

Der Übergang von der Pubertät zum eigenen Kind war bis zur Hälfte des vorigen Jahrhunderts mehr oder weniger fließend. Wenn überhaupt, wurde der Übergang zum Erwachsensein lediglich durch eine kurze Schulausbildung oder wenige Jahre in einem traditionellen Frauenberuf unterbrochen.

Das hat sich grundlegend verändert. So haben unter anderem sichere Verhütungsmittel eine individuelle Lebens- und Familienplanung ermöglicht und gewandelte soziale Bedingungen haben Frauen allgemein bessere Teilhabechancen am gesellschaftlichen Leben eröffnet. Inzwischen widmen zunehmend mehr Frauen die fruchtbarste Phase ihres Lebens der Ausbildung, dem Beruf und der Karriere. Immer häufiger wird die Familiengründung deshalb auf später verschoben.

Es ist mittlerweile nicht nur gesetzlich verankert, dass Frauen und Männer die gleichen beruflichen Chancen haben, zunehmend mehr Frauen ergreifen auch tatsächlich qualifiziertere Berufe, die eine längere Ausbildungszeit erfordern und ihnen zu mehr finanzieller Unabhängigkeit, Einfluss und Selbstvertrauen verhelfen. Die Aufgabe oder Reduzierung dieser neuen Rechte und Möglichkeiten zugunsten eines oder mehrer Kinder ist für Frauen oder Paare eine schwierige Entscheidung – und sie wird oftmals um Jahre hinausgezögert: Alle Vor- und Nachteile müssen bedacht und ausgehandelt werden.

Darüber hinaus haben gesellschaftliche Rahmenbedingungen Einfluss auf die Familienplanung - beispielsweise die seit zwei Jahrzehnten andauernde schwierige Lage auf dem Arbeitsmarkt. Solche und ähnliche Risikofaktoren verunsichern Frauen und Männer: Viele warten auf bessere Zeiten, in denen sich Verantwortung für ein Kind leichter übernehmen lässt.

Die biologische Uhr tickt

Beruf und Karriere haben für Frauen einen höhern Stellenwert in unserer Gesellschaft erreicht, als noch vor 100 Jahren. Früher machte die Kindererziehungszeit etwa die Hälfte des eigenen Lebens aus. Heute nimmt sie im Verhältnis zur Lebens- und Arbeitszeit einen immer kleineren Anteil im Leben von Eltern ein. Das Erwerbsleben dauert durchschnittlich 45 Jahre, während sich die durchschnittliche Lebenserwartung in den vergangenen 100 Jahren fast verdoppelt hat.

Das Berufsleben spielt auch bei Frauen eine immer bedeutendere Rolle. Frauen legen großen Wert auf eine qualifizierte Berufsausbildung und möchten nach der Ausbildung in ihrem Beruf arbeiten, um ihre erworbene Qualifikation zu erweitern. Daher verschieben sie die Familienplanung auf eine Zeit, wenn sie beruflich auf sicherem Boden stehen. So hat sich der Wunsch nach einem Kind bei Frauen, demzufolge auch bei Männern, zeitlich nach hinten verschoben und wird oft erst nach dem 30. Geburtstag aktuell.

Da der Höhepunkt der Fruchtbarkeit bei Frauen um das 20. Lebensjahr herum liegt, nimmt mit dem Alter die Wahrscheinlichkeit ab, schnell und unproblematisch schwanger zu werden. Die Rolle des Alters beim Mann ist noch nicht ausreichend erforscht, aber auch bei Männern ab 40 Jahren ist eine Abnahme der Fruchtbarkeit zu beobachten. Außerdem belegen neuere Forschungsergebnisse, dass es auch für Männer neben diesen biologischen Einschränkungen biografische gibt. Die Männer selbst legen offenbar ein „Zeitfenster“ zwischen „zu jung“ und „zu alt“ für sich fest: Die Altersgrenze für eine Vaterschaft liegt demzufolge bei rund 50 Jahren.

Paare, die erst spät ihren Kinderwunsch realisieren möchten, müssen daher mit einer längeren Wartezeit oder mehr Problemen rechnen, schwanger zu werden. Das kann für einige Paare bedeuten, dass es tatsächlich „zu spät“ ist.

Vorteile der späten Elternschaft

Ein Vorteil später Elternschaft ist, dass man sich meistens schon einige Wünsche im Leben erfüllt hat und sich deshalb in der Regel etwas ruhiger und ungeteilter auf das Leben mit Kind konzentrieren kann und will. Meist stehen „späte Eltern“ beruflich nicht mehr in der „Beweisnot“ und haben nicht mehr das Gefühl, der Beruf ist ausschlaggebend für das persönliche Glück.

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Tatsächlich sind viele ältere Eltern beruflich und finanziell abgesicherter und innerlich gelassener dem Leben gegenüber. Ob sie auch dem Kind gegenüber gelassener sind, ist eine Frage der individuellen Möglichkeiten.

Der Altersunterschied zwischen Eltern und Kind spielt unter Umständen keine so große Rolle mehr wie noch vor 30 Jahren oder früher, weil sich die Generationen nicht mehr so abgegrenzt und verständnislos gegenüberstehen.

Nachteile der späten Elternschaft

Erfüllt sich ein Wunsch erst spät besteht manchmal die Gefahr der zu großen Konzentration und Überversorgung, manchmal auch größerer Angst und Besorgtheit um das Kind als bei jüngeren Eltern.

Gelegentlich fehlen auch die richtigen Ansprechpartner, weil möglicherweise die Eltern im Umkreis zehn Jahre jünger sind und in einer andern Lebensphase mit andern Aufgaben stehen. Darüber hinaus kann ihnen die Umstellung auf ein Leben mit Kind auch mehr Schwierigkeiten machen als jungen Eltern, deren Lebensumstände noch relativ flexibel sind.

Viele Dinge sind in höherem Alter anstrengender. Das macht sich für arbeitende Eltern wahrscheinlich vor allem nachts bemerkbar: Mehrere Male zum Stillen aufzustehen oder wegen eines kranken Kindes gänzlich auf Schlaf zu verzichten, fällt mit 20 leichter als mit 40. Andererseits kann eine gute Organisation, gesunde Lebensführung mit viel Bewegung auch bei einem älteren Elternpaar vieles ausgleichen und sie zu fitten Partnern für ein quirliges Kind machen.

Allerdings birgt die späte Elternschaft gewisse Risiken. Sind die Eltern um die 40 Jahre, stellt sich die Frage nach der Gesundheit von Vater, Mutter und Kind. Denn ab diesem Alter steigt zum Beispiel die Rate der Fehlgeburten und es zeigen sich häufiger Defekte beim Erbmaterial – bei Männern als auch bei Frauen.

Die Medizin bietet im Feld der Pränataldiagnostik viele Verfahren, die Fehlentwicklungen ausschließen bzw. bestätigen können. Das erhöht jedoch unter Umständen die Unsicherheit während der Schwangerschaft. Aber auch wenn das Risiko zu Fehlbildungen beim Kind mit höherem Alter steigt, stehen dem Millionen gesunder Kinder von Spätgebärenden gegenüber.

Daten und Fakten: Alter bei der Geburt und Berufstätigkeit von Müttern

Das Statistische Bundesamt in Wiesbaden errechnete, dass 1970, bezogen auf das frühere Bundesgebiet, Mütter bei der Geburt ihres ersten Kindes durchschnittlich 24 Jahre alt waren. 1989 war dieses Durchschnittsalter auf 26 Jahre gestiegen. Für das Jahr 2000 weist die Statistik für das gesamte Bundesgebiet einen Anstieg des Alters bei der ersten Geburt auf knapp 29 Jahre aus - Tendenz weiter ansteigend.

Im April 1996 betrug die Müttererwerbsquote 58 Prozent. Sechs Jahre später waren in Deutschland 63 Prozent der deutschen Mütter im Alter zwischen 15 und 65 Jahre, bei denen minderjährige Kinder im Haushalt lebten, erwerbstätig.

Die Teilzeitbeschäftigung gewinnt immer mehr an Bedeutung: Während im April 1996 die Mütterteilzeitquote bei 51 Prozent lag, ist sie bis April 2002 auf etwa 60 Prozent angestiegen. Frauen machen den Umfang ihrer Berufstätigkeit vom Alter und der Anzahl ihrer Kinder abhängig. Je mehr Kinder sie haben, desto seltener sind sie erwerbstätig.

Verglichen mit der Generation ihrer Mütter treten die westdeutschen Frauen der Jahrgänge 1961 bis 1965 - bedingt durch längere Ausbildungszeiten - erst in einem höheren Alter ins Berufsleben ein. Sie bleiben dann aber auch als Mütter häufiger erwerbstätig oder unterbrechen die Berufstätigkeit kürzer. In den neuen Bundesländern unterbrechen Frauen etwas häufiger die Erwerbstätigkeit zugunsten der Elternzeit, nehmen die Erwerbstätigkeit aber rascher wieder auf als die Frauen in den alten Bundesländern.