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Schwangerschaft und Aberglaube

Geheimnisvoll und unerklärlich – so erlebten unsere Vorfahren Schwangerschaft. Dies spiegelte sich auch im Umgang mit Schwangeren wider: Für sie galt eine Vielzahl von strengen Verhaltensregeln. Andererseits wurden ihnen weitreichende Vergünstigungen eingeräumt.


Noch bis ins 19. Jahrhundert hinein wusste man sehr wenig über die Faktoren, die den Verlauf einer Schwangerschaft beeinflussen. Die Verantwortung für das Wohl des Ungeborenen wurde ausschließlich den Frauen zugewiesen. Um Fehlgeburten oder Missbildungen des Kindes vorzubeugen, mussten sie eine Vielzahl von Regeln befolgen. Unter anderem war ihnen untersagt, mit übereinander geschlagenen Beinen zu sitzen, sich selbst zu frisieren, Taufpatin zu sein oder Fleisch von verkrüppeltem Vieh zu essen. Sie sollten sich von Empfängnis und Tod in jeglicher Form fernhalten, durften kein Wasser tragen und keine Wäsche aufhängen. Die Liste der Verbote und Gebote war lang, und es war nicht einfach, sie alle zu beachten. Für Fehlgeburten oder Fehlentwicklungen des Kindes hatte man schnell eine Erklärung zur Hand: Die werdende Mutter hatte offenbar irgendeine Regel verletzt.

Auf der Suche nach Zusammenhängen

Viele dieser Maßregeln scheinen uns heute kurios und willkürlich. Sie zeugen jedoch häufig von dem Versuch, bildlich vorstellbare Zusammenhänge zwischen der Außenwelt und den Vorgängen im Inneren des Menschen herzustellen. So glaubte man etwa, das ungeborene Kind würde sich die Nabelschnur um den Hals schlingen, wenn die werdende Mutter sich mit engen Halsketten schmückte oder Schnüre um den Leib band. Wenn eine Schwangere vom Anblick eines behinderten oder fehlgebildeten Menschen in Angst versetzt wurde, so wähnte man sie in Gefahr, ein missgebildetes Kind zu gebären. Fasste sie sich vor Schreck mit der Hand an die Wange, wurde befürchtet, dass ihr Kind genau an dieser Stelle eine Warze haben würde.

Selbst der Charakter und das spätere Schicksal eines Kindes wurden angeblich vom Verhalten der werdenden Mutter beeinflusst: Trank sie aus einer Flasche, so konnte es sein, dass das Kind eine Neigung zum Alkohol entwickelte. Ging sie unter einer Wäscheleine hindurch oder stahl sie Krautköpfe, so würde ihr Kind vielleicht sogar dem Henker zum Opfer fallen.

Sonderrechte

Ähnliche Vorstellungen, wie sie den zahllosen Verboten zugrunde lagen, bescherten den schwangeren Frauen aber auch gewisse Sonderrechte. Insbesondere ihrem Appetit durften keine Grenzen gesetzt werden. Denn auch jeder unerfüllte Wunsch nach einer bestimmten Speise konnte sich dem ungeborenen Kind in Form eines Muttermals oder einer Verwachsung aufprägen. Um ihren Heißhunger nach Früchten, Fleisch und Fisch zu stillen, erlaubten es einige Dorfgesetze in Deutschland Schwangeren ausdrücklich, überall Obst zu pflücken und sogar die sorgsam gehüteten Jagdgesetze zu übertreten.

Der mitunter enorme Appetit und die manchmal seltsamen Essgelüste von Schwangeren lösten bei ihren Mitmenschen jedoch auch Befremden aus. Nicht zuletzt trugen sie zur Entstehung von Legenden bei. So berichteten Ärzte immer wieder von dem angeblich unwiderstehlichen Verlangen schwangerer Frauen, Sand, Schlamm oder Spinnen zu verspeisen.

Rücksichten und Zweifel

Man befürchtete, starke Gefühlsregungen der Schwangeren wie Trauer oder Zorn könnten zu einer Fehlgeburt führen. Deshalb war auch auf ihre Launen Rücksicht zu nehmen. Manche überlieferte Geschichte spiegelt den Argwohn wider, die Schwangere könnte ihre Privilegien allzu sehr ausnutzen. So wurde den Frauen gelegentlich unterstellt, ihr Heißhunger richte sich ausschließlich auf Speisen, die als ausgesprochene Luxusartikel galten. Legenden erzählen von Ehemännern, die Wutanfälle ihrer schwangeren Frauen über sich ergehen lassen mussten, weil die Sorge um das Ungeborene ihnen jede Gegenwehr verbot. Um den Anspruch der Schwangeren auf Rücksichtnahme in Grenzen zu halten, waren die Ehemänner gleichzeitig dazu angehalten, in allen Dingen Zurückhaltung und Mäßigkeit zu üben.

Vom Sinn und Zweck des Aberglaubens

Viele Geschichten drücken das Befremden aus, mit dem man früher der Schwangerschaft gegenüberstand. Das mangelnde Wissen über die Vorgänge im Mutterleib leistete einerseits dem Aberglauben Vorschub. Andererseits suchte man nach Erklärungen, die für die Menschen nachvollziehbar waren. Die vielen Verbote und Regeln, die das Leben der Schwangeren einengten, gaben ihnen vielleicht auch das Gefühl, auf den Ausgang der Schwangerschaft Einfluss nehmen zu können.  

Letztlich hatten die historischen Verhaltensregeln das gleiche Ziel wie heutzutage die Vorsorgeuntersuchungen und Geburtsvorbereitungskurse: den Schutz des ungeborenen Kindes.

Auch noch im 21. Jahrhundert wird die Verantwortung für die Gesundheit des ungeborenen Kindes oft allein den Schwangeren und ihrem persönlichen Verhalten zugeschrieben. Die Ratschläge und Empfehlungen für werdende Mütter stützen sich meist auf ein wissenschaftliches Fundament und haben auch ihre Berechtigung. Inzwischen weiß man aber, dass auch andere Faktoren, wie zum Beispiel das soziale Umfeld oder erbliche Veranlagungen, Einfluss auf die Schwangerschaft und das Ungeborene haben können.

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