Was die In-vitro-Fertilisation von einer normalen Befruchtung unterscheidet
Die Alltagssprache benutzt für die In-vitro-Fertilisation, kurz IVF, häufig den Begriff „künstliche Befruchtung“. Das ist jedoch nicht ganz korrekt, denn auch bei der IVF verschmelzen Ei- und Samenzelle miteinander. Allerdings erfolgt bei der IVF die Befruchtung nicht im Körper der Frau, sondern im Labor. Die Medizin spricht deshalb auch von Befruchtung außerhalb des Körpers oder von extrakorporaler Befruchtung. Eine IVF-Behandlung beinhaltet neben der Befruchtung im Labor noch verschiedene andere Schritte. Fast immer ist eine Hormonbehandlung der Frau notwendig. Anschließend werden Eizellen aus dem Eierstock entnommen und in einem Laborglas mit Samenzellen des Partners zusammen geführt. Gelingt die Befruchtung und Weiterentwicklung der befruchteten Eizelle(n), wird der Embryo in die Gebärmutter eingebracht. Die IVF ist also eine sehr komplexe Methode, um eine Schwangerschaft herbeizuführen.
Die Eizellreifung wird stimuliert
Eine Hormonbehandlung regt die Eierstöcke dazu an, mehrere Eibläschen gleichzeitig reifen zu lassen. Dadurch erhöhen sich die Chancen, dass sich mehrere befruchtungsfähige Eizellen gewinnen lassen. Für die hormonelle Stimulation kommen verschiedene Behandlungsschemen mit Hormonpräparaten bzw. Kombinationen von Hormonpräparaten zur Anwendung. Folgende Vorgehensweisen sind üblich:
- Nur Clomifen (Tabletten)
- Clomifen, gefolgt von Spritzen mit FSH oder hMG
- Nur FSH oder hMG
- Kombination der Stimulation mit einem GnRH-Agonisten oder einem GnRH-Antagonisten und anschließenden Injektionen von FSH oder hMG.
Das Präparat Clomifen stimuliert die Hormonbildung in den Eierstöcken indirekt, indem es eine erhöhte Freisetzung der Hormone der Hirnanhangdrüse (FSH und LH) bewirkt. Injektionen mit eibläschenstimulierendem Hormon FSH, luteinisierendem Hormon LH und humanem Menopausen-Gonadotropin hMG regen die Eierstöcke direkt zu einer vermehrten Eizellreifung an. GnRH-Agonisten (auch GnRH-Analoga genannt) und GnRH-Antagonisten drosseln die körpereigene Hormonproduktion. Dadurch können die anschließende Eizellreifung und der Zeitpunkt des Eisprungs besser gesteuert werden.
Fast immer müssen in einem Stimulationszyklus regelmäßig Hormone injiziert werden. Es ist auch möglich, dass der Partner oder die Frau selbst das Medikament spritzen.
Der Eisprung wird eingeleitet
Etwa eine Woche, nachdem mit der Stimulierung der Eierstöcke begonnen wurde, kontrolliert die Ärztin oder der Arzt mehrmals die Größe und Reife der Eizellen. Das geschieht durch Ultraschalluntersuchungen und Hormonwertbestimmungen im Blut. Sind die Eizellen herangereift und erscheinen befruchtungsfähig, werden die follikelstimulierenden Hormone abgesetzt. Eine Injektion mit dem Hormon Choriongonadotropin (hCG) löst den Eisprung aus.
Die Eizellen werden entnommen (Follikelpunktion)
36 Stunden nach dem Auslösen des Eisprungs entnimmt der Arzt oder die Ärztin Eizellen mit Hilfe einer langen feinen Nadel aus den Eierstöcken. Der Eingriff erfolgt normalerweise durch die Scheide und wird per Ultraschall am Bildschirm verfolgt. In seltenen Fällen gewinnen die Medizinerinnen und Mediziner die Eizellen per Bauchspiegelung. Die Frau erhält Beruhigungs- oder Schmerzmittel oder eine Narkose. Nach der Punktion können leichte Blutungen und ein Wundgefühl auftreten. Leider werden nicht immer befruchtungsfähige Eizellen gefunden.
Die Befruchtung im Labor
Am Tag der Eizellentnahme wird frische Samenflüssigkeit des Partners benötigt. Im Allgemeinen masturbiert der Mann im reproduktionsmedizinischen Zentrum und gibt die Samenflüssigkeit ins Labor. Manche Männer haben Schwierigkeiten mit dem Samenerguss "auf Bestellung". Dann sollte das Problem vorher besprochen werden, um eine andere Lösung zu finden.
Die Samenflüssigkeit wird im Labor aufbereitet, um die Befruchtungsfähigkeit der darin enthaltenen Samenzellen zu verbessern. Nun bringt man Eizellen und Samenzellen in einer Nährflüssigkeit zusammen und kultiviert sie in einem Brutschrank, wo dann die Befruchtung erfolgen soll. Je nach Befruchtungschancen entscheidet man sich möglicherweise für das ICSI-Verfahren, bei dem eine Samenzelle in die Eizelle gespritzt wird.
Eine befruchtete Eizelle erkennt man unter dem Mikroskop an den zwei Vorkernen, die dem genetischen Material von Spermium und Eizelle entsprechen. In diesem Vorkernstadium werden die Eizellen, welche später zurückgegeben werden sollen, ausgesucht. Die anderen befruchteten Eizellen werden entweder verworfen oder eingefroren. Nach dem Verschmelzen der beiden Vorkerne ist der Befruchtungsvorgang abgeschlossen.
Die Übertragung von Embryonen in die Gebärmutter
Wenn die Befruchtung einer oder mehrerer Eizellen im Labor gelungen ist, werden sie am zweiten, dritten oder fünften Tag nach der Eizellentnahme in den Körper der Frau übertragen. Dazu wird ein dünner biegsamer Katheter benutzt, mit dessen Hilfe ein bis zwei, selten drei Embryonen durch die Scheide und den Gebärmuttermund in die Gebärmutterhöhle gegeben werden. Die meisten Frauen empfinden den Eingriff als wenig oder nicht schmerzhaft.
Bei jeder IVF kann es passieren, dass einzelne Schritte nicht gelingen. Zum Beispiel kommt es öfters vor, dass sich der Embryo oder die Embryonen nicht in der Gebärmutter einnisten. Bei der Übertragung von zwei oder drei Embryonen besteht das Risiko, dass sich eine Mehrlingsschwangerschaft entwickelt.
Die Vorbehandlung der Embryonen (Assisted Hatching)
Das Assisted Hatching ist ein neues, noch nicht gänzlich erforschtes Verfahren, mit dem bei IVF oder ICSI das Einnisten des Embryos in die Gebärmutter gefördert werden soll.
Dazu wird die Umhüllung der Eizelle - die Glashaut oder „Zona pellucida“ – bearbeitet, um dem Embryo das Schlüpfen aus dieser Glashaut zu erleichtern.
Bei einem natürlichen Befruchtungs- und Einnistungsvorgang unterstützen Enzyme der Gebärmutter das Hatching (Schlüpfen) des Embryos aus der Glashaut. Beim Assisted Hatching erfolgt diese Schlüpfhilfe auf künstlichem Weg. Es werden verschiedene Verfahren angewendet, mit deren Hilfe die Glashaut eingeritzt oder ausgedünnt wird: Das Beschießen mit einem Laserstrahl, das Einritzen mit einer Glasnadel, die Ausdünnung durch das Besprühen mit einem Enzym.
Fachleute sehen mögliche Vorteile des Assisted Hatching insbesondere bei wiederholt erfolglosen IVF- und ICSI-Behandlungen, bei älteren Frauen, bei der Verwendung von eingefrorenen Eizellen und wenn im Mikroskop eine besonders dicke Glashaut (Zona pellucida) zu sehen ist. Es gibt Hinweise darauf, dass in diesen Fällen durch das Assisted Hatching mehr Schwangerschaften erzielt werden. Ungeklärt ist jedoch, ob auch die Geburtenrate steigt.
Kontrolluntersuchungen nach der Übertragung
Etwa 14 Tage nach der Übertragung der Embryonen in die Gebärmutter lässt sich anhand des Schwangerschaftshormons hCG feststellen, ob eine Schwangerschaft begonnen hat. Um sicher zu gehen, wird die Ärztin oder der Arzt mehrmals Kontrolluntersuchungen vornehmen. Zu diesem Zeitpunkt ist der Verlauf der Schwangerschaft jedoch noch völlig offen. Etwa einen Monat nach dem Transfer in die Gebärmutter kann mit Hilfe des Ultraschalls die Schwangerschaft genauer beurteilt werden. Man kann zum Beispiel sehen, ob der Embryo lebt und ob es sich um einen Einling oder um Mehrlinge handelt.
Die Möglichkeit der Kryokonservierung
Es ist möglich, Spermien, Eizellen oder Gewebe einzufrieren und zu einem späteren Zeitpunkt zu verwenden. Das Einfrieren von befruchteten Eizellen im Vorkernstadium zur Übertragung in einem späteren Zyklus ist erlaubt, der Gesetzgeber verbietet jedoch das Einfrieren von Embryonen. Wenn ein bereits existierender Embryo nicht wie vorgesehen im zeitgleichen Zyklus übertragen werden kann, ist es im Ausnahmefall statthaft, ihn zeitlich begrenzt einzufrieren. Dies muss der Ärztekammer gemeldet werden.
Eine Kryokonservierung bietet sich nur an, wenn bei einer IVF oder ICSI mindestens drei überzählige Eizellen im Vorkernstadium gewonnen wurden und in einem späteren Zyklus übertragen werden sollen. In Deutschland werden eingefrorene Eizellen bis zu zwei Jahre aufbewahrt.
Der Vorteil der Kryokonservierung besteht darin, dass die Frau keine erneute Punktion der Eierstöcke vornehmen lassen muss. Auch auf eine erneute hormonelle Stimulation kann verzichtet werden. Allerdings sind die Schwangerschaftsraten nach Kryonkonservierung niedriger als bei der Verwendung von frischen Eizellen. Eine Kryokonservierung muss immer privat bezahlt werden.
Weiterführende Informationen
- Deutsches IVF-Register
Das Deutsche IVF-Register erhebt zum Zweck der Qualitätssicherung seit 1992 Daten aus dem Bereich der Reproduktionsmedizin. Neben fachlichen Informationen bietet die Seite unter der Rubrik "Zentren" eine umfangreiche Liste von Kliniken und Praxen in Deutschland, die im Bereich der Reproduktionsmedizin tätig sind. Weiterführende Links verweisen auf die jeweiligen Informationsangebote der Einrichtungen im Internet. (Recherchedatum: 27.10.2011)
- Richtlinien des gemeinsamen Bundesausschusses über ärztliche Maßnahmen zur künstlichen Befruchtung
Der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA) ist ein Gremium der gemeinsamen Selbstverwaltung von Ärztinnen und Ärzten, Krankenkassen und Krankenhäusern. Seine Aufgabe ist es zu konkretisieren, welche ambulanten oder stationären medizinischen Leistungen ausreichend, zweckmäßig und wirtschaftlich sind und somit zum Leistungskatalog der Gesetzlichen Krankenversicherung gehören. Auf dieser Seite können die Richtlinien des Ausschusses über ärztliche Maßnahmen zur künstlichen Befruchtung als PDF-Dokument heruntergeladen werden. (Recherchedatum: 04.11.2011)
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Häufig gestellte Fragen
Wie kann ich herausfinden, welche Behandlungsmethode die richtige ist?
Welche Behandlungsmethode individuell am besten geeignet ist, hängt zum einen von der Ursache der Fruchtbarkeitsstörung ab, zum anderen auch davon, in welchem Umfang das Paar bereit ist, die zeitlichen, gesundheitlichen und psychischen Belastungen einer Fruchtbarkeitsbehandlung auf sich zu nehmen.
Welche Behandlungsverfahren überhaupt infrage kommen, kann erst nach einer gründlichen ärztlichen Untersuchung entschieden werden. Wird dann eine bestimmte Methode vorgeschlagen, ist es empfehlenswert, sich bei der Ärztin oder dem Arzt genau über das Vorgehen, die Behandlungsdauer, die Erfolgschancen und etwaige Risiken zu informieren.
Auch eine kurzzeitige psychologische Beratung kann bei der Entscheidungsfindung helfen und das Paar seelisch unterstützen. Die in der Beratungsstellen-Datenbank befindlichen anerkannten Schwangerschaftsberatungsstellen helfen auch beim Thema "Unerfüllter Kinderwunsch". Sie können bei der Suche nach einer geeigneten Praxis oder Klinik behilflich sein und bieten außerdem psychologische Begleitung während der Fruchtbarkeitsbehandlung.
Gibt es eine Altersgrenze für eine Kinderwunschbehandlung?
Die gesetzlichen Krankenkassen machen die anteilige Kostenübernahme für eine IVF-Behandlung auch vom Alter des Paares abhängig. Frauen und Männer dürfen frühestens im Alter von 25 Jahren mit einer IVF-Behandlung beginnen. Das Höchstalter der Frau ist auf 40 Jahre, das Höchstalter des Mannes auf 50 Jahre festgesetzt.
Es gibt jedoch Frauen und Paare, die jenseits dieser Altersgrenzen eine Fruchtbarkeitsbehandlung wünschen und privat bezahlen. Für eine aussichtsreiche Behandlung ist es vor allem wichtig, dass die Eierstöcke der Frau auf eine Hormonbehandlung mit der Bildung von befruchtungsfähigen Eizellen reagieren.
Der biologische Alterungsprozess ist von Mensch zu Mensch unterschiedlich. Deshalb lässt sich keine genaue Altersgrenze festlegen, bis zu der eine IVF-Behandlung erfolgreich sein kann. Ältere Frauen und Männer mit Fruchtbarkeitsproblemen müssen sich jedoch eher darauf einstellen, dass sie auch mit einer Behandlung möglicherweise nicht mehr schwanger werden können. Auch die Rate an Fehlgeburten nimmt mit den Jahren zu.
Wieso ist eine künstliche Befruchtung nicht immer erfolgreich?
Die In-vitro-Fertilisation (IVF) und die Intrazytoplasmatische Spermieninjektion (ICSI) sind seit Jahren erprobte Methoden, aber sie sind sehr komplex und damit störungsanfällig. Es kommt öfter vor, dass einzelne Schritte nicht gelingen.
Zum Beispiel entwickeln sich nicht immer befruchtungsfähige Eizellen, oder es findet keine Befruchtung statt. Es kann auch sein, dass sich nach der Übertragung befruchteter Eizellen kein Embryo in der Gebärmutter einnistet. Die Ursachen für das Versagen der Behandlung sind sehr unterschiedlich und lassen sich nicht immer genau feststellen.
Ist das Risiko für kindliche Fehlbildungen nach einer künstlichen Befruchtung erhöht?
Bei natürlich gezeugten Kindern kommt es bei etwa jeder 15. Schwangerschaft zu einer kindlichen Fehlbildung, nach einer künstlichen Befruchtung bei jeder zwölften. Unklar ist jedoch, ob die erhöhte Fehlbildungsrate eine Folge der Fruchtbarkeitsbehandlung ist oder mit den Risikofaktoren zusammenhängt, die die Eltern mitbringen. Viele Fachleute halten die erhöhte Fehlbildungsrate eher für die Folge der Störung, die zur Unfruchtbarkeit geführt hat.
Nach Fruchtbarkeitsbehandlungen kommt es zudem häufiger zu Mehrlingsschwangerschaften. Da Mehrlinge oft zu früh geboren werden, erhöht sich auch hier das Risiko für körperliche und geistige Beeinträchtigungen.
Allgemein wird davon ausgegangen, dass das Fehlbildungsrisiko bei den Behandlungsmethoden In-vitro-Fertilisation (IVF) und Intrazytoplasmatische Spermieninjektion (ICSI) in etwa gleich ist. Bei beiden Methoden treten vermehrt Herzfehler, Lippen- und Gaumenspalten und Fehlbildungen des Verdauungstraktes auf.

