Bessere Spermien durch Vitaminpräparate?

Männer mit ungünstigen Spermienwerten nehmen häufig Nahrungsergänzungsmittel ein, deren Nutzen für die Fruchtbarkeit trotz zahlreicher Studien umstritten ist. Ohne gezielte Diagnostik machen sie in der Regel keinen Sinn.

Hand mit Vitamintabletten © Thinkstock

Seit vielen Jahren beschäftigt sich die Forschung mit der Frage, ob bestimmte Substanzen die Samenproduktion anregen und die Befruchtungsfähigkeit der Spermien verbessern können. Untersucht wurde bisher die Wirksamkeit von Vitamin C, Vitamin E, Carnitin, Zink, Selen, Glutathion, Carotinoide, Coenzym Q10 oder Omega-3-Fettsäuren und vielem mehr.

Sicher ist, dass der Körper all diese Stoffe braucht, um gesund zu sein. Ebenso sicher ist jedoch, dass bei einer halbwegs ausgewogenen Ernährung kein nennenswerter Mangel daran besteht. Werden sie ohne nachgewiesene Unterversorgung als Nahrungsergänzungsmittel konzentriert eingenommen, kann es sogar zu potenziell schädlichen Überdosierungen kommen.

Freie Radikale und Radikalenfänger

Alle Körperzellen produzieren bei ihrem Energiestoffwechsel auch sogenannte freie Sauerstoffradikale. Das sind kurzlebige Moleküle, die den Zellen schaden können, aber auch nützliche Funktionen haben. Den freien Radikalen gegenüber stehen die sogenannten Radikalenfänger oder „Antioxidantien“, die deren Wirken begrenzen. Dazu gehören verschiedene Vitamine, Enzyme und andere körpereigene Stoffe. Sie sorgen für ein notwendiges Gleichgewicht, damit nicht ein Übermaß an freien Radikalen entsteht, das den Zellen schadet. Ist dieses Gleichgewicht gestört, spricht man von „oxidativem Stress“.

Studien zeigen, dass oxidativer Stress sich negativ auf die Spermienproduktion und die Spermienreifung auswirken kann und unter Umständen zu genetischen Schäden führt. Zugleich gibt es Hinweise, dass sich durch die Zuführung von Antioxidantien in einigen Fällen verschiedene Spermienwerte verbessern lassen. Die Studienlage ist jedoch sehr widersprüchlich. In anderen Versuchsreihen hatte die Gabe von Antioxidantien entweder keinen oder sogar einen negativen Effekt auf die "Spermienqualität".

Eingriff in unklare Verhältnisse

Das Problem besteht darin, dass die komplexen biochemischen Vorgänge bei der Spermienproduktion und der Spermienreifung bis heute nicht vollständig bekannt sind. Hinzu kommt, dass bei jedem Mann mit ungünstigen Spermienwerten die zellulären Vorgänge an einem anderen Punkt gestört sein können. Wird nun das Verhältnis von freien Radikalen und Radikalenfängern aktiv verändert, ist es durchaus denkbar, dass sich die Spermienwerte sogar verschlechtern.

Hinzu kommt, dass verbesserte Spermienwerte keineswegs automatisch zu höheren Schwangerschaftsraten führen, weil die häufig unbekannte Ursache der eigentlichen Fruchtbarkeitsstörung (idiopathische Infertilität) davon unabhängig weiterhin bestehen kann.

Fragwürdige Vitaminpräparate für bessere Spermien

Nicht wenige Männer mit ungünstigen Spermienwerten nehmen Nahrungsergänzungsmittel ein, die verschiedene Antioxidantien in unterschiedlicher Dosis und Kombination enthalten. Die Präparate werden oft aufwändig im Internet mit dem Hinweis beworben, wissenschaftliche Studien hätten eindeutig belegt, dass mit ihrer Hilfe unfruchtbare Männer innerhalb weniger Monate wieder fruchtbar werden könnten.

Mehrere systematische Auswertungen dieser und anderer Studien kommen jedoch einhellig zu dem Ergebnis, dass die Wirksamkeit der einzelnen Antioxidantien bis heute nicht eindeutig belegt werden kann. Außerdem ist weder die Dosis noch die Wirkung von Kombinationen verschiedener Antioxidantien ausreichend erforscht.

Sinnvoll kann eine Behandlung mit Antioxidantien nur dann sein, wenn bei einer gezielten Diagnostik ein Mangel an einer bestimmten Substanz festgestellt worden ist. Fachleute raten daher davon ab, Antioxidantien nach dem Gießkannenprinzip auf bloßen Verdacht hin einzunehmen. Darüber hinaus sind die angepriesenen Präparate recht teuer und müssen, weil es Nahrungsergänzungsmittel und keine Medikamente sind, selbst bezahlt werden.

Letzte Aktualisierung dieser Seite: 28.02.2017