Viele junge Frauen möchten heute zuerst eine Ausbildung machen und sich beruflich etablieren, bevor sie eine Familie gründen. Dies gilt als wichtiger Grund für die gestiegene Zahl „später“ Schwangerschaften. Tatsächlich nimmt die Zahl der so genannten Spätgebärenden über 35 seit den 1990er Jahren beständig zu. Im Jahr 1991 waren 9,6 Prozent der Schwangeren in Deutschland über 35 Jahre alt. Im Jahr 2000 waren es 18,1 Prozent, in 2006 23,8 Prozent. Diese Zahlen beziehen sich allerdings auf alle Schwangeren, sowohl auf die Erstgebärenden als auch auf die, die schon mehr als ein Kind geboren haben.
Ältere Schwangere – auch früher keine Seltenheit
Ein Blick in die Geschichte zeigt, dass ältere Schwangere kein besonderes Merkmal der heutigen Zeit sind. Es gab sie immer und sie waren auch keine Einzelfälle, sondern Normalität. In der Vergangenheit waren vor allem religiöse Einstellungen, ein spätes Heiratsalter und fehlende Mittel zur Empfängnisverhütung die Ursache dafür, dass Frauen bis zu den Wechseljahren Kinder bekamen. Auch nach überstandenen Notzeiten waren späte Schwangerschaften keine Seltenheit – wie zum Beispiel nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs.
Denkbare und tatsächliche Risiken
Unter medizinischen Gesichtspunkten werden Schwangere, die älter als 35 Jahre alt sind, im Mutterpass grundsätzlich als Risikoschwangere eingestuft. Diese Einstufung kann verunsichern, aber sie bedeutet nicht, dass die Schwangeren tatsächlich eine Risikoschwangerschaft erwartet. Gleichwohl wird ihre Schwangerschaft in den Vorsorgeuntersuchungen und auf bestimmte Werte und Befunde hin genauer überwacht.
Statistisch lässt sich nachweisen, dass mit zunehmendem Alter der Schwangeren die Möglichkeit von genetisch bedingten Fehlbildungen beim Kind leicht steigt. Zum Beispiel erhöht sich die Wahrscheinlichkeit etwas, ein Kind mit Down-Syndrom zu bekommen. Sie beträgt bei einer 30-jährigen Schwangeren 0,1 Prozent (eins von 1000 Kindern), bei einer 35-jährigen 0,3 (drei von 1000) und bei einer 40-jährigen ein Prozent (zehn von 1000).
Auch die Zahl der Fehl- und Frühgeburten ist bei älteren Schwangeren leicht erhöht. Komplikationen wie Schwangerschaftsdiabetes, Bluthochdruck, Thromboseneigung oder Präeklampsien treten etwas häufiger auf. Ältere Frauen sind zudem etwas häufiger übergewichtig oder chronisch krank als jüngere – was die Schwangerschaft beeinflussen kann, aber nicht muss.
Vorsorge und Pränataldiagnostik
Wie wahrscheinlich Krankheiten, Fehlbildungen und Chromosomenschäden beim Kind sind, lässt sich durch pränataldiagnostische Untersuchungen feststellen.
Die Kosten für eine Fruchtwasseruntersuchung (Amniozentese) bzw. alternativ für eine Gewebeuntersuchung des Mutterkuchens (Chorionzottenbiopsie) werden von den gesetzlichen Krankenkassen übernommen. Wenn bei den Routine-Ultraschalluntersuchungen Auffälligkeiten festgestellt werden, wird die Schwangere zu einem Ultraschall-Spezialisten überwiesen. Die nicht-eingreifenden (nicht-invasiven) Tests wie der Triple-Test oder das Ersttrimesterscreening sind keine Kassenleistung.
Entscheidend: Eine gute Lebenssituation
Das Alter entscheidet in den wenigsten Fällen allein darüber, ob eine Schwangerschaft risikoreich verläuft. Sowohl eine Studie der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (Schwangere Frauen ab 35. Sekundärauswertung der Studie "Schwangerschaftserleben und Pränataldiagnostik" der BZgA) wie auch die Bayerische Perinatalerhebung aus dem Jahr 2006 kommen zu dem Ergebnis, dass ein höheres Alter der Mutter als Risikofaktor für die Schwangerschaft nicht überbewertet werden sollte.
Für den Schwangerschaftsverlauf ist es nach den Ergebnissen der BZgA-Studie günstig, dass ältere Schwangere überdurchschnittlich gut ausgebildet sind und in relativ stabilen finanziellen Verhältnissen und gefestigten Partnerschaften leben. Die werdenden Väter engagieren sich häufig in der Schwangerschaft und begleiten ihre Partnerinnen zur Vorsorge und zur Geburtsvorbereitung. Die meisten älteren Schwangeren fühlen sich ausreichend unterstützt und gut versorgt. Dementsprechend fragen sie weniger nach öffentlichen Unterstützungsangeboten und nehmen sie weniger in Anspruch.
Vorteil: Erfahrung und Gelassenheit
Drei von vier älteren Schwangeren haben schon mindestens ein Kind und verfügen von daher über eine gewisse Erfahrung. Ein gutes Drittel der über 34-jährigen Frauen erwarten ihr drittes oder viertes Kind. Sie sind daher in der Regel ruhiger und entspannter als die jüngeren Schwangeren. Zudem lebt die Mehrheit der Spätgebärenden eher gesundheitsbewusst. Sie ernähren sich gesund und halten sich körperlich fit. Sie sind meist gut informiert und nehmen zuverlässig die Vorsorgeuntersuchungen wahr.
Über gesundheitliche Risiken und Beschwerden berichten ältere Schwangere weniger als jüngere. 75 Prozent von ihnen geben zum Beispiel an, keine Risiken zu haben. Zwar sind sechs Prozent von einer drohenden Früh- oder Fehlgeburt betroffen, dieser Prozentsatz ist jedoch kleiner als bei den jüngeren Schwangeren. Typische Schwangerschaftsbeschwerden wie Rückenschmerzen, Schlafstörungen oder Wadenkrämpfe erleben die über 35-jährigen oft als weniger belastend. Sie leiden auch in geringerem Maß unter Angstgefühlen, Niedergeschlagenheit, Kopfschmerzen oder Appetitlosigkeit als die jüngeren Schwangeren. Allerdings klagen ältere Schwangere mit 26 Prozent häufiger über Erschöpfung als die 25- bis 34-jährigen (22 Prozent) und die 18- bis 24-jährigen (17 Prozent). Ebenfalls mehr betroffen sind sie von Krampfadern und Hämorriden.
Zusammengefasst lässt sich sagen, dass Alter und Erfahrung im Hinblick auf eine Schwangerschaft eine durchaus positive Seite haben: Sie tragen wesentlich dazu bei, dass viele Schwangere über 35 Jahre gelassener mit gesundheitlichen Risiken umgehen und besser auf die Mutterschaft vorbereitet sind.
Links zum Thema
- Schwangere Frauen ab 35 - eine Zielgruppe mit besonderem Unterstützungsbedarf?
Zu ihrer Studie "Schwangerschaftserleben und Pränataldiagnostik" führte die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) eine Sekundärauswertung durch. Untersucht wurde, ob die Gruppe der schwangeren Frauen ab 35 eine Zielgruppe mit besonderem Unterstützungsbedarf ist. Auf der Seite werden die Ergebnisse vorgestellt. (Recherchedatum: 07.06.2009)
- Die Risikoschwangerschaft - nicht zwangsläufig ein Grund zur Beunruhigung
Bei den ärztlichen Vorsorgeuntersuchungen wird ein sehr umfangreicher Risikokatalog abgefragt und im Mutterpass notiert. Dadurch entsteht schnell der Eindruck, die Schwangerschaft sei ein Vorgang voller Gefahren. Nachweislich kommen jedoch die meisten Kinder gesund zur Welt.
- Informationen zum Thema Pränataldiagnostik
In der Pränataldiagnostik können mit speziellen Verfahren Störungen und Fehlbildungen beim Ungeborenen festgestellt werden. Da die Nutzung der verschiedenen Untersuchungen Konsequenzen haben kann, ist es ist ratsam, sich vorher gut zu überlegen, welches Angebot man nutzen will.
Häufig gestellte Fragen
Was ist eine Risikogeburt?
Von einer Risikogeburt spricht man, wenn bestimmte Merkmale einer Geburt auf eine Gefährdung von Mutter und / oder Kind hindeuten. Risiken in der Schwangerschaft müssen nicht gleichzeitig auch zu Risiken unter der Geburt führen. Jedoch können auch nach einer völlig problemlosen Schwangerschaft Risiken unter der Entbindung auftreten. Zu den Symptomen einer Risikogeburt zählen unter anderem:
- vorzeitige Wehentätigkeit und Wehenanomalien im Allgemeinen
- vorzeitiger Blasensprung
- ein Geburtsverlauf, der länger als 16 Stunden dauert
- Bluthochdruck oder Ansteigen des Blutdrucks der werdenden Mutter während der Wehen
- Fruchtwasser, in dem Ausscheidungen des Ungeborenen zu finden sind (mekoniumhaltiges Fruchtwasser)
- eine drohende Frühgeburt bis zur 37. Schwangerschaftswoche
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