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Interview: "Beratung kann eine wichtige Hilfe zur Klärung sein"

Die Frauenärztin und Psychotherapeutin Edith Bauer über die Situation von Frauen im Schwangerschaftskonflikt und den Wert der Beratung.


Was geht in Frauen vor, wenn sie schwanger sind und einen Abbruch erwägen?

Nach meiner Erfahrung sind eine ungewollte Schwangerschaft und ein Abbruch für jede Frau mit einem Zwiespalt der Gefühle verbunden. Jede Schwangerschaft, auch eine lang ersehnte, wird zumindest anfangs von ambivalenten Gefühlen begleitet. Allerdings ist nicht jeder Frau dieser Zwiespalt bewusst. In der Beratung geht es dann oft darum, Raum für widerstreitende Empfindungen zu schaffen. Wenn sich die Frau auf ein Gespräch einlässt, dringt man oft zum eigentlichen Kern des Konflikts vor. Es stellen sich dann Fragen wie: Fühle ich mich reif genug, ein Kind zu erziehen? Wie werden mein Partner, die Eltern, die Arbeitskolleginnen und Kollegen reagieren? Fühle ich mich möglichen negativen Reaktionen gewachsen, oder rauben sie mir alle Kraft? Traue ich mir zu, notfalls das Kind allein großzuziehen? Werde ich meinen Ausbildungsplatz beziehungsweise meine Arbeit mit Kind behalten können? Wird das Geld reichen? Darf ich meine ursprüngliche Lebensplanung über das Leben des Kindes stellen?

Was kann die Schwangerschaftskonfliktberatung der Frau bringen?

Viele Frauen hadern mit sich, wenn sie ungewollt schwanger sind und drängen auf eine schnelle Entscheidung. Dahinter verbirgt sich oft der Wunsch, die Schwangerschaft rasch sozusagen ungeschehen zu machen. Das Beratungsgespräch wird dann im ersten Augenblick oft als lästig und überflüssig empfunden. Der Gesetzgeber hat aber meiner Meinung nach etwas Gutes bezweckt, als er eine Frist zwischen Entscheidung und Abbruch festgelegt hat. Den meisten Frauen, die ich erlebt habe, hat es geholfen, im Gespräch ihre unterschiedlichen Gefühle zu sortieren. Oft plagen sie Schuldgefühle, gewissermaßen schwach geworden zu sein, die Verhütung vernachlässigt zu haben oder sich in einem Augenblick großer Nähe mit dem Partner doch ein Kind gewünscht zu haben. Vielleicht haben sie etwas Gemeinsames erhofft oder wollten ein Stück vom Partner behalten. Die Nähe stellte sich dann aber als Illusion heraus, der Wunsch hatte im Alltag keinen Bestand.

Die Situation im Schwangerschaftskonflikt ist oft sehr kompliziert und der Zwiespalt zwischen Wünschen und Wollen, Hoffnung und Realität nur schwer auszuhalten. Das erklärt, warum viele erst einmal sagen, ich brauche keine Beratung. Eine ergebnisoffene, das heißt nicht bevormundende, Beratung kann aber eine große seelische Entlastung und Hilfe bei der Entscheidungsfindung sein.

Wenn Frauen grundsätzlich zum Austragen der Schwangerschaft ermutigt werden, ist es ihnen dennoch möglich, den Wunsch nach einem Schwangerschaftsabbruch frei anzusprechen?

Ein mehr oder weniger ausgeprägtes Schuldgefühl führt bei sehr vielen Frauen dazu, dass sie sich hinsichtlich eines Schwangerschaftsabbruchs entweder besonders abgeklärt und verschlossen geben oder sich immer wieder rechtfertigen. Dabei wird in der Beratung stets darauf hingewiesen, dass es im Schwangerschaftskonfliktgespräch nur um die Klärung der Situation geht. Sie muss niemanden überzeugen, damit sie den Beratungsschein bekommt.

Wie erleben Frauen die Zeit der Entscheidung?

Es ist eine schwerwiegende Entscheidung, die da getroffen werden muss. Immerhin für oder gegen das Leben eines Kindes. So etwas geht an niemandem spurlos vorbei. Mit der wie auch immer getroffenen Entscheidung muss man leben. Deshalb ist es wichtig, sich die Entscheidung nicht zu einfach zu machen. Ein wohlüberlegter Entschluss hat auch langfristig Bestand, und das ist wichtig. Manche Frauen kommen mehrmals zur Beratung, bis sie Klarheit haben. Die meisten sind dankbar für das Angebot und die Zeit, gründlich überlegen zu können. Meiner Erfahrung nach gehen Frauen oft dann eher spät zur Beratung, wenn sie einen besonders großen Zwiespalt haben. Das kann man dahingehend deuten, dass manche vielleicht die Hoffnung haben, es könne für einen straffreien Abbruch nun zu spät sein. Das `zu spät’ enthöbe sie dann der eigenen ausdrücklichen Entscheidung für oder gegen das Kind. Dann entschiede sozusagen das Schicksal.

Was bedeutet ein Schwangerschaftskonflikt für die Beziehung?

Die Tragfähigkeit einer Beziehung wird durch den ungewollten Eintritt einer Schwangerschaft und eines möglichen Abbruchs hart auf die Probe gestellt. Unterschwellig bestehende Beziehungskonflikte werden unter einer solchen Belastung oft deutlich und können nicht mehr übergangen werden. Die unterschiedlichen Lebensvorstellungen und Beziehungswünsche kommen auf den Tisch. Die Qualität der Beziehung zum Partner ist von großer Bedeutung für die jeweilige Entscheidung. Mitunter zerbrechen nicht gefestigte Partnerschaften daran.

Wie stark beeinflusst der Partner die Entscheidung?

Die Signale des Mannes in die eine oder andere Richtung spielen im Entscheidungsprozess der Frau beziehungsweise des Paares eine große Rolle. Stabile Paare finden oft zu einer gemeinsamen Entscheidung. Nicht selten aber beziehen Männer keine klare Stellung. Das heißt, sie überlassen der Partnerin die Entscheidung. Das wirkt zwar tolerant und großzügig, lässt die Partnerin im Konflikt aber allein. Sie sieht sich dann in der Regel auch allein verantwortlich für die Konsequenzen der Entscheidung. Ich habe in den Schwangerschaftskonfliktgesprächen nicht selten erlebt, dass eine Frau sich massiv unter Druck gesetzt fühlte: Etwa wenn sie der Mann zum Abbruch drängte und Druckmittel wie die Androhung von Liebesentzug, Trennung oder Gewalt zum Einsatz kamen. In einigen Fällen hatte ich den Eindruck, dass die Frauen sich dann lieber vom Kind als vom Mann trennten. Das schafft zwar einen Konflikt aus der Welt, belastet aber die Zukunft der Partnerschaft.

Werden Frauen auch schwanger, um ihre Partner an sich zu binden?

Mit einer Schwangerschaft sind immer viele unbewusste Wünsche verbunden. Es gibt auch Frauen, die mithilfe eines Kindes mehr oder minder unbewusst eine Bindung erzwingen wollen.

In der Beratung sollte eine ungewollte Schwangerschaft deshalb immer auch zum Anlass genommen werden, über verborgene Sehnsüchte nachzudenken. Männer sind aber in den seltensten Fällen bloße Opfer der Situation. Wenn sie sicher sind, dass sie keinesfalls jetzt oder keinesfalls mit dieser Frau ein Kind haben wollen, müssen sie eben sicher verhüten.

Dr. med. Edith Bauer ist Frauenärztin und Psychotherapeutin. Sie ist Mitglied der Dt. Gesellschaft für Psychosomatische Frauenheilkunde und Geburtshilfe (DGPFG).

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Häufig gestellte Fragen

Wer trägt die Kosten für einen Schwangerschaftsabbruch?

Wird die Schwangerschaft nach der Beratungsregelung in den ersten zwölf Wochen nach der Empfängnis unterbrochen, muss der Eingriff grundsätzlich von der schwangeren Frau selbst bezahlt werden. Dies gilt nicht für medizinische Vor- und Nachbehandlungen.

Eine finanzielle Unterstützung oder eine Kostenübernahme eines Schwangerschaftsabbruchs nach der Beratungsregelung ist möglich, wenn die Frau kein oder ein sehr geringes Einkommen hat (wirtschaftliche Bedürftigkeit). Zur Feststellung der Bedürftigkeit werden das Einkommen, das Vermögen und die Lebensumstände berücksichtigt. Genauere Auskunft erteilen die anerkannten Schwangerschaftsberatungsstellen.

Die Kosten für Schwangerschaftsabbrüche, die aufgrund einer medizinischen oder kriminologischen Indikation durchgeführt werden, werden von der Krankenkasse und dem Land übernommen.

Ab wann muss ich nach einem Schwangerschaftsabbruch wieder verhüten?

Nach einem Schwangerschaftsabbruch können die meisten Frauen sehr bald wieder schwanger werden, denn gleich nach einem Abbruch beginnt ein neuer Menstruationszyklus. Wurde die Schwangerschaft medikamentös unterbrochen, startet der Zyklus nach der Hormongabe. In der Regel findet der Eisprung entsprechend etwa zwei Wochen nach der Einnahme statt, die nächste Monatsblutung weitere zwei bis vier Wochen später.

Ärztinnen, Ärzte und anerkannte Beratungsstellen können helfen, eine individuell angepasste und sichere Verhütungsmethode zu finden.

 

 

Darf der Vater des Kindes über einen Schwangerschaftsabbruch mitentscheiden?

Die Entscheidung darüber, ob eine Frau die Schwangerschaft austragen will, liegt allein bei ihr selbst. Niemand kann oder darf diese Entscheidung für sie treffen oder sie unter Druck setzen. Anerkannte Beratungsstellen unterstützen schwangere Frauen darin, eine verantwortungsvolle Entscheidung zu treffen. Inwieweit eine Schwangere den leiblichen Vater des Kindes in ihre Entscheidung einbeziehen will, liegt in ihrem eigenen Ermessen.

Wie werden die Schwangerschaftswochen gezählt, wenn es um einen Schwangerschaftsabbruch geht?

Der Gesetzgeber bezieht die Zeitangabe „straffrei bis zur zwölften Woche“ auf die tatsächliche Schwangerschaftswoche, also die zwölfte Woche nach der Empfängnis. Ärztinnen und Ärzte gehen aber bei der Berechnung vom ersten Tag der letzten Regelblutung aus. Da die Empfängnis im Durchschnitt etwa zwei Wochen nach der letzten Regelblutung stattfindet, entspricht die vom Gesetzgeber bezeichnete zwölfte Schwangerschaftswoche der vierzehnten Schwangerschaftswoche nach ärztlicher Berechnung.

 

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