Interview: „Ich rate allen, sich nicht auf unversöhnliche Positionen festzulegen“

Die Beraterin und Familientherapeutin Hildegard Jürgens über die Frage, welche Themen Männer in einer Beratung zum Schwangerschaftskonflikt angehen können.

Wie viele Männer nehmen das Angebot wahr, sich bei einem Schwangerschaftskonflikt beraten zu lassen?

Allein kommen Männer leider nur sehr selten in eine Schwangerschaftskonfliktberatung. In Nordrhein-Westfalen sind es zum Beispiel bei den anerkannten Beratungsstellen etwa ein Prozent der Ratsuchenden. Gemeinsam mit ihrer Partnerin nehmen sie dagegen häufiger an einer Schwangerschaftskonfliktberatung teil. Bei gut einem Fünftel aller Beratungsfälle sind sie dabei.

Welche Themen beschäftigen Männer in einer gemeinsamen Beratung?

Manchmal kommen Männer einfach mit, um das Problem gemeinsam mit der Partnerin durchzustehen. Schwankt die Frau, ob sie das Kind bekommen will oder nicht, ist der Mann häufig der Bedenkenträger. Oft wartet sie auf ein positives Signal von ihm. Dass eine Frau die Schwangerschaft abbrechen will, der Mann das Kind aber unbedingt haben möchte, kommt in der Beratung eher selten vor.

Andere Männer sagen zu ihrer Partnerin: „Entscheide du, ob wir das Kind kriegen oder nicht. Ich trage jede Entscheidung von dir mit.“ Sie meinen es häufig gut und wundern sich, dass ihre Partnerin dadurch nicht unbedingt an Sicherheit gewinnt. Im Gespräch wird dann häufig deutlich, dass der Mann Schwierigkeiten hat, sich mit der Frage seiner eigenen Vaterschaft auseinanderzusetzen.

In der Beratung geht es dann neben allen möglichen rechtlichen und finanziellen Fragen darum, Klarheit zu schaffen. Was bewegt die Frau, was beschäftigt den Mann? Kann das Kind im Bauch der Frau als ein Ausdruck der gemeinsamen Liebe und Hoffnung verstanden werden? Welche Vorstellungen gibt es vom zukünftigen Lebensweg und von der eigenen Elternschaft? Welche Ängste und Befürchtungen lasten im Moment auf beiden?

Oft ist es sehr befreiend, Wünsche und Bedenken offen ausdrücken zu können.

Sprechen Männer andere Themen an, wenn sie sich allein beraten lassen?

Meiner Erfahrung nach kommen sie näher an ihre ureigenen Fragen heran. Oft ist die Partnerschaft nicht gefestigt, oder es besteht gar keine Beziehung zu der Frau, die dem Mann gerade mitgeteilt hat, dass sie schwanger von ihm ist und noch nicht weiß, wie sie sich entscheidet.

Die meisten Männer werden in einer solchen Situation von starken Ohnmachtsgefühlen bedrängt. Sie wollen in der Regel weder jetzt noch unter diesen Umständen Vater werden und fühlen sich der ungewissen Entscheidung der Frau ausgeliefert. Häufig suchen sie verzweifelt nach Wegen, Einfluss nehmen zu können.

Was kann ein Mann im Schwangerschaftskonflikt tun?

Er kann und sollte gegenüber der Frau seine Gedanken, Wünsche und Befürchtungen äußern. Leben Mann und Frau zusammen, finden Paare meist zu einer Entscheidung, die von beiden getragen werden kann. Ist die Beziehung dagegen zerrüttet, oder kennen sich Mann und Frau kaum, sind einvernehmliche Lösungen schwerer zu finden.

Für den Mann geht es bei einem krisenhaften Verhältnis zur Frau im ersten Schritt oft darum, seine Ohnmacht gegenüber der Entscheidung der Frau zu akzeptieren: Faktisch kann er an der augenblicklichen Situation nichts ändern. Diese Tatsache zu akzeptieren ist oft sehr entlastend. Es vermindert den Druck, unbedingt etwas unternehmen zu müssen.

In weiteren Schritten lässt sich dann leichter daran arbeiten, wie der Mann das Heft des Handelns in die Hand nehmen kann. Auch für den Fall, dass die Frau sich gegen seinen Willen für oder gegen das Kind entscheidet.

Wie kann der Mann ein Handelnder gegenüber einer allein entscheidenden Frau sein?

Zunächst einmal ist es wichtig, die gewissermaßen unfreiwillig entstandene Dreiecksbeziehung Vater-Mutter-Kind zu entflechten. Das ungeborene Kind ist ein eigenständiger Mensch, zu dem auch der Mann vom Augenblick der Zeugung an in einer eigenständigen Beziehung steht. Da die Zeugung ebenso ein Fakt ist wie das Kind, kann die Frage für den Mann zum Beispiel lauten: Wie stelle ich mich unabhängig von der Frau zum Kind?

Ich rate den Männern, sich nicht auf eine unversöhnliche Position festzulegen. Etwa: „Ich zahle zwar Unterhalt, aber ich will weder mit der Frau noch mit dem Kind etwas zu tun haben.“ Als Beraterin versuche ich deutlich zu machen, dass der Mann viel Zeit hat, sollte sich die Frau für das Kind entscheiden. Bis zur Geburt wird mindestens noch ein halbes Jahr vergehen, in dem er sich selbst eine Antwort auf die Frage geben kann, was für ein Vater er sein möchte.

Auch wenn er sich im Augenblick ohnmächtig fühlt, liegt es doch an ihm zu entscheiden, wie er die Verantwortung für das Kind wahrnimmt und was für ein Vater er dem Kind sein wird. Jenseits von moralischen Verpflichtungen ist er im Verhältnis zu dem Kind ein aktiv Handelnder, selbst wenn er später nur für den Unterhalt des Kindes sorgen sollte.

Was kann er konkret tun?

Er kann sich überlegen, welche Informationen sein Kind auf jeden Fall von ihm bekommen sollte: Etwa ein Foto oder eine Liste von wichtigen medizinischen Daten wie der Blutgruppe oder bekannten Allergien und Erbkrankheiten. Die Bedeutung solcher Dinge ist nicht zu unterschätzen.

Zwar ist und bleibt es eine Tatsache, dass am Ende die Frau und nicht er darüber entscheidet, ob das gemeinsame Kind zur Welt kommt oder nicht. Daran lässt sich nichts ändern. Aber jeder Mann ist ein handelnder Mensch, wenn er sich auf den inneren Entwicklungsprozess seines wie auch immer gearteten Vaterwerdens und Vaterseins einlässt.

Was kann ein Mann tun, wenn die Frau von sich aus sagt: Zahle Unterhalt, aber ansonsten lass mich und das Kind in Ruhe?

Ich rate auch den Frauen in der Beratung, sich nicht auf eine Position festzulegen, die keine Entwicklung mehr erlaubt. Schließlich haben Kinder nicht nur das Recht zu wissen, wer seine Eltern sind. Sie haben auch unabhängig vom Willen etwa der Mutter ein Anrecht auf einen angemessenen Kontakt zum Vater.

Sind die Eltern vollkommen zerstritten, kann der Vater-Kind-Kontakt auch über von beiden Seiten akzeptierten Verbindungspersonen hergestellt werden. Etwa über die Großeltern des Kindes. Alles ist möglich. Da sollte weder die Frau noch der Mann die Tür zuschlagen.

Darüber hinaus sind die Unterhaltzahlungen eines Vaters keineswegs nur von finanzieller Bedeutung. Selbst wenn es keinen Kontakt zwischen Vater und Kind geben sollte, kann das Kind doch mit dem für sein Selbstwertgefühl möglicherweise wichtigen Wissen aufwachsen, dass sein Vater zu seiner Verantwortung steht und jeden Monat an sein Kind denkt.

Hildegard Jürgens, Sozialpädagogin und Familientherapeutin, bietet seit Ende der 80er Jahre im Gesundheitsamt Köln Schwangerschaftskonfliktberatung an.